Ruthless – Die Gnadenlose oder »Life of Pi« auf weiblich

Stellen Sie sich vor, Sie wachen auf und finden sich in einem Gestalt gewordenen Albtraum wieder: begraben unter etwas, das nach Erde und Mist und Heu riecht. Nach dem ersten Schreck, in dem Sie sich fragen, ob Sie mit dem Traktor umgefallen sind, den Sie öfter benutzen, wollen Sie schon versuchen, sich nach oben durchzuwühlen, wenigstens eine Hand auszustrecken, um Hilfe zu bekommen.

Dann fallen Ihnen andere Dinge auf, die Sie zögern lassen. Zum Beispiel ist da freier Platz um ihre Nase herum, der Ihnen die Möglichkeit gibt zu atmen. Und dann bemerken Sie, dass sich der Boden, auf dem Sie liegen, bewegt – Sie befinden sich in einem fahrenden Auto. Sie werden, das wird Ihnen jetzt immer klarer, entführt.

Ruthless - contentSo fängt der Roman der Debüt-Autorin Carolyn Lee Adams an. Ein Roman, den ich übersetzt habe. Ein Roman, den ich eigentlich gar nicht hätte übersetzen sollen, denn erstens bin ich für einen Übersetzer eingesprungen, der keine Zeit hatte, und zweitens … hasse ich Serienkiller-Geschichten.

Ja, ich kann das so sagen. Eine bestimmte Art von angstmachenden Geschichten sind mir einfach zuwider, erst recht, wenn sie auf eine üble Form die Sexualität von Frauen ausbeuten. Und in vielen, viel zu vielen Serienkiller-Geschichten ist die sexuelle Bemächtigung der Frau genau das Thema.

Deshalb habe ich lange meine Finger von solchen Romanen gelassen, sowohl als Leserin wie auch als Übersetzerin. Dann bekam ich dieses Angebot, mit dem Hinweis des Lektors, er glaube nicht, dass da für mich etwas Problematisches drin und dran sei.

Ich las also das Buch, und was soll ich sagen: ich war begeistert. Von der ersten bis zur letzten Zeile.

Ja, es ist eine Serienkiller-Geschichte. Und ja, es geht darum, dass ein Mädchen – die 16jährige Ruth – von einem Psychopathen entführt wird, der vorhat, sie zu vergewaltigen, psychisch zu quälen und zu töten. Und doch ist das Buch anders – denn Ruth ist eine Kämpferin. Eine Wett-Kämpferin genau genommen.

Ruth Carver ist die Tochter von Ranchbesitzern und sitzt im Sattel, seit sie denken kann. Ihre Mutter ist Reitlehrerin, der Vater kümmert sich um den Rinderbereich der großen Farm. Ruth hat schon etliche Preise gewonnen und das Potential, ganz nach oben zu kommen. Und man kann sagen, dass sie dabei durchaus eine gewisse Zielstrebigkeit an den Tag legt, die auf andere gnadenlos wirken kann.

Auf jene Mädchen zum Beispiel, die Reitunterricht bei ihrer Mutter bekommen und ebenfalls an Wettkämpfen teilnehmen. Oder auf ihren Freund Caleb, mit dem sie eine nicht eingestandene Liebesbeziehung verbindet. Oder sogar auf ihre Eltern, denen dieser Charakterzug bei ihrer Tochter anscheinend nicht fremd ist.

Genau hier setzt die Verknüpfung mit dem Serienkiller an. Denn Wolfmann – Ruth nennt ihn nie anders – geht es darum, kleine Mädchen (mit bestimmten äußeren Merkmalen) zurechtzuweisen, die er als zu fordernd empfindet, als rücksichtslose Egoisten, als überbordend mit sexueller Ausstrahlung.

Natürlich liegt hier eine Projektion eines inneren Konflikts aufgrund eigener kindlicher Erfahrungen zugrunde, etwas, das in Serialkiller-Romanen (und anderen Spannungsromanen) nahezu üblich ist. Und so liegt das, was Wolfmann mit Ruth vorhat, auch ganz im Rahmen dessen, was man erwarten würde – und was er mit anderen Mädchen bereits getan hat: er will sie reinigen von ihrem Schlechtsein, er will sie bestrafen, indem er sie seelisch und körperlich quält und schließlich tötet.

Aber bei Ruth hat er einen Fehler gemacht. Erstens irrt er sich bezüglich ihres Alters, denn sie wirkt aufgrund ihrer geringen Körpergröße jünger als sie ist. Und zweitens hat er unterschätzt, dass sie als Reitsport-Kämpferin eine ganz andere Mentalität mitbringt als jedes andere seiner Opfer zuvor.

Und dies ist der Grund, weshalb sich dieser Roman schon sehr früh ganz anders entwickelt als gedacht. Die Dinge entwickeln sich anders. Ruth nutzt nicht die erstbeste, sondern die erste vielversprechende Gelegenheit zur Flucht aus der Jagdhütte mitten in der Wildnis, in die er sie verschleppt hat. Von dort aus, verfolgt und gejagt von Wolfmann, versucht sie, in die Zivilisation zurückzukehren.

Die Wildnis ist Wolfmanns Zuhause, er kennt sie in- und auswendig. Aber was er unterschätzt, ist genau das, was er Ruth vorgeworfen hat – ihre Gnadenlosigkeit im Verfolgen bestimmter Ziele. Ihre Fähigkeit, sich zu quälen, zu disziplinieren, Schmerzen zu ertragen, sich selbst welche zuzufügen – um zu überleben. Was Wolfmann unterschätzt, ist ihre Fähigkeit, »gnadenlos« zu sein, um des Überlebens willen.

Was folgt, ist nicht nur eine zugleich irre wie auch phantastische Verfolgungsjagd in einem riesigen Waldgebiet mit Wechsel von Jäger und Gejagtem. Oder anders ausgedrückt: das allein macht den enormen Reiz des Buches nicht aus. Nein, Ruth wäre nicht Ruth, wenn sie nicht neben ihrer kämpferischen Fähigkeit aufgrund ihres Reitsports auch eine Anpassungsfähigkeit besitzen würde, die Bereitschaft, nachzudenken, über das, was Wolfmann ihr vorgeworfen hat.

Ruth erlebt durch ihre Entführung und die Flucht durch den Wald mit all ihren Folgen letztlich eine Wandlung – und es ist diese Wandlung, die mich tief berührt hat. Der Kampf im Außen fordert alles von ihr – und er ist nicht zu führen ohne eine Wandlung im Innern. Alles kommt letztlich auf die eine oder andere Weise auf den Tisch – ihre Beziehungen zu anderen Menschen, ihre Sicht auf die Welt, ihr ganzes eingefahrenes eingleisiges Leben im Dienste des Reitsports. Spirituelle Erfahrungen – wunderschön erzählt – führen zu umfassenden Transformationen, zu einem tiefen Wissen in ihr, warum sie leben muss. Was Leben wirklich bedeutet. Worum es wirklich im Leben geht.

Während des Übersetzens dachte ich irgendwann, dass »Ruthless – Die Gnadenlose« in gewisser Hinsicht die weibliche Antwort auf »Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger« ist. Als ich den Film damals sah, versuchte ich, ihn mir mit einer Heldin vorzustellen. Es würde nicht funktionieren, dachte ich. Aber vielleicht stimmt das gar nicht so.

Carolyn Lee Adams Roman jedenfalls zeigt, dass auch weibliche Charaktere in dem, was sie zu bewältigen haben, über die Dimension der irdischen Herausforderungen hinausgehen können – dass sie die irdischen Erlebnisse genauso zum Anlass für weiterreichende Erfahrungen und Erkenntnisse nutzen können. Und ihr Roman zeigt, dass man auch weibliche Charaktere in Romanen nicht auf irdische Probleme begrenzen muss. Dass es möglich ist, das Allgemeine auch am Beispiel einer Frau, eines Mädchens zu zeigen, was ja leider nur selten geschieht, da für solche Themen gewöhnlich männliche Protagonisten gewählt werden. So sind wir es gewohnt.

So sind wir es gewohnt – aber es ist nicht richtig. Und es ist nicht gut. Denn in der spirituellen Selbsterkenntnis liegt die unerschöpfliche Kraft, zu der wir alle prinzipiell Zugang haben. Um diese Kraft zu finden, brauchen wir jedoch entsprechende Erfahrungen, die uns auffordern und es uns ermöglichen, tiefer zu sehen, hinter den Schleier der irdischen Welt und ihres Schauspiels zu blicken. Nicht zufällig sind es häufig Schicksalsschläge, die es Menschen ermöglichen, mit diesem Aspekt von sich in Beziehung zu treten – ja, die es ihnen abverlangen.

In so einer Situation befindet sich Ruth. Damit konfrontiert, ihr Leben retten zu müssen, allein und verlassen in einer Wildnis, die sie nicht kennt, ohne Essen und Trinken und anfangs sogar ohne Kleidung, muss sie ihre Kraft aus einer tieferen Ebene ihres Seins holen. Sie muss über sich hinauswachsen, in so vielen Hinsichten, und indem sie das tut, indem sie das kann, wird sie verändert.

Adams Roman zeigt diese Wandlung bei der sechzehnjährigen Protagonistin. Und sie tut das meisterhaft. Das Buch hat die richtige Länge, den richtigen Ton – zu den spirituellen Momenten, die mich an einzelne Szenen aus »Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger« erinnerten, gesellt sich eine düster-phantastische Atmosphäre, die sofort »Die Nacht des Jägers« in mir auferstehen ließ -, denn Adams besitzt die wunderbare Fähigkeit, die Gratwanderung zu meistern, die moralischen Angriffe auf Ruth zu thematisieren und die Protagonistin weder in Schuld versinken noch in harter Abwehr enden zu lassen oder – noch schlimmer – in einer furchtbaren, klischeehaften Verstrickung von Täter-Opfer zu versinken.

Adams zeigt vielmehr eine Protagonistin, die über sich hinauswächst, immer und immer wieder und in jeder Hinsicht. Dabei ist sie zugleich Opfer, und sie ist es auch nicht. Sie ist selbstkritisch, aber sie lässt sich nicht davon schwach machen, sie versinkt nicht in Selbstzweifeln. Sie ist lernfähig, aber sie lässt sich nicht entwurzeln, auch dann nicht, als sie körperlich am Ende ist. Auch dann nicht, als ihre Fähigkeit, die Situation mit ihrem Geist zu kontrollieren, nicht mehr perfekt ist. All das fördert und steigert nur ihren unbedingten Wunsch zu leben. Das ist es  was ihr das Leben rettet. Was ihr zum Schluss ein Handeln ermöglicht, das ich nicht verraten möchte, weil es so wunderbar ist, so unglaublich.

Enden möchte ich lieber mit einem Zitat aus dem Buch, aus dem hervorgeht, wie sie mit der Situation umgeht, mit dem Opfersein, mit dem eigenen Schuldigsein, mit der Gehirnwäsche, der Wolfmann sie zu unterziehen versucht, wie er es bei den anderen Opfern getan hat. Aus dem – ohne allzu viel zu verraten – vielleicht ein bisschen zu erahnen ist, welche Stärke dieses Mädchen hat – und dabei ist das erst der Anfang.

 

Vielleicht habe ich das hier verdient. Vielleicht sollte ich es als das betrachten, was mir zukommt. Vielleicht sollte ich einfach aufgeben und sterben. Es wäre so einfach, so wunderschön einfach. Muskeln, von denen ich gar nicht wusste, dass sie angespannt waren, lassen los und entspannen sich, bereiten mich darauf vor, davonzugleiten.

Bevor ich mich der Dunkelheit überlasse, schlägt eine schwache Stimme zurück. Sie sagt: Nein, das hier habe ich nicht verdient. Vielleicht bin ich ein schlechter und furchtbarer Mensch, aber das hier ist nicht in Ordnung. Niemand hat so etwas verdient. Absolut niemand.

 

World Tai Chi & Qi Gong Day 2016

Bis vor Kurzem wusste ich gar nicht, dass es das gibt – einen Welt-Tai-Chi-Chuan-Tag. Aber nun, es gibt mittlerweile für so vieles einen »Welt-Tag«, also warum dann nicht auch für diese meditative Bewegungskunst?

Ziemlich spontan – ich war nicht die Einzige, für die das neu war – entschlossen sich einige SchülerInnen der Tai Chi Schule Offenburg, an der ich lerne und assistiere, zu einer Übungs-Session im Freien. Das Wetter spielte glücklicherweise mit – wir erwischten eines der kleinen warmen und sonnigen Fenster im kalten und regnerischen Aprilwetter.

Vielleicht haben wir ja mit unserer Performance dem einen oder der anderen Lust gemacht, es auch einmal zu probieren – und auf freudvolle und angenehme Weise etwas für die eigene geistige, seelische und körperliche Gesundheit zu tun.

Das kann zwar auch mit dem Nebenaspekt verbunden sein, unter den Einsparungen im Gesundheitsbereich nicht so zu leiden, aber vor allem ist damit die Möglichkeit verbunden, das eigene Leben positiv zu verändern – durch neue Impulse, Freisetzung von eigener Kraft und einer tieferen Beziehung zum eigenen Körper.

Wie auch immer – uns hat es jedenfalls Spaß gemacht!

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Weitere Informationen über den Nutzen von Tai Chi Chuan gibt es auch auf meiner Homepage sg-polarität.de.

Krautreporter – sich besser informieren

Der Buddhismus sagt, dass Leben Leiden ist. Wenn man sich derzeit in der Welt umsieht, bekommt man mehr als genug Anlass, diese Aussage zu unterstützen, auch wenn man gern das Gegenteil beweisen möchte.

Zeiten wie diese sind in vielerlei Hinsicht schwierig. Nicht nur sind es die Ereignisse selbst und die Frage, wie schön ist die Welt eigentlich noch, in der ich lebe. Oder die Angst um die eigene konkrete Zukunft, meinen Job, meine Altersvorsorge, mein gesundes Essen. Und es geht auch nicht nur darum, dass man mehr und mehr das Gefühl hat, gegenüber den wirklichen Machthabern ohnmächtig zu sein.

Das alles ist schlimm genug und erfordert genügend Kraft, will man nicht rechtsradikalen Parolen und ihren schlichten Antworten verfallen.

Was aber zu allem noch hinzukommt, ist die Frage danach, wie man sich informiert. Ob man sich überhaupt noch informiert. Als ich mich – seit 2003 Fernseh-Verweigerin – in den letzten Wochen aus Anlass der Attentate in Brüssel verstärkt der »Informationsgewinnung« gewidmet habe und zwar nicht das TV, aber doch das Internet durchforschte, wurde ich wieder überwältigt von der Masse an aufpeitschenden Nachrichten, die alle danach schrien, gelesen zu werden.

Ich wollte sie aber gar nicht alle lesen. Und ich will auch nicht alles sehen, was dort zu finden ist. Selbst mit entsprechenden Blockern bleibt leider immer noch viel zu viel übrig.

Aber was ist die Alternative? Sich ganz raushalten? Die Türen, Augen und Ohren verschließen? Nicht nur kann das persönlich ungesund werden, es könnte auch dazu führen, dass man eines Tages dasteht und sich sagen muss: du bist nicht besser als diejenigen, die im Dritten Reich weggeguckt haben. Als all die anderen, die überall auf der Welt weggucken.

Ich kann diesen Weg nicht gehen – obwohl ich oft genug Lust dazu hätte, mich auf eine Insel zurückzuziehen und die Welt sich ganz sich selbst zu überlassen. Aber als ehemalige Geschichtsstudentin fällt es mir schwer, es passt nicht zu mir.

Auf der Suche nach einer Alternative, die beide Wünsche miteinander verbindet – nicht überflutet zu werden, aber auch keinen hohen Staudamm um mich herum zu errichten -, bin ich fündig geworden.

»Krautreporter« ist ein Zusammenschluss von jungen ReporterInnen und JournalistInnen, die sich einer neuen Art von Berichterstattung verschrieben haben: frei, unabhängig, ohne Werbung.

Die Artikel sind gut zu lesen, sie sind nicht schreierisch, sondern informativ. Und auf der Homepage gibt es sie auch umsonst. Um aber die Arbeit zu unterstützen – und regelmäßig automatisch »beliefert« zu werden -, kann man die inzwischen als Genossenschaft angemeldeten Krautreporter mit 5 Euro monatlich unterstützen.

Ich finde, man kann sein Geld bei weitem schlechter investieren.

Die Suche nach alternativen Informationsmöglichkeiten wird fortgesetzt.

Der Spiegel des Rio Doce

Aus dem Gefühl der Betroffenheit heraus einen Blog-Artikel zu verfassen, ist immer etwas heikel. Zumindest, wenn man den Anspruch an sich hat, sich nicht von einer Woge des Zorns wegtragen zu lassen.

Es gibt aber Momente, da ist das vielleicht ganz gut. Und es gibt Themen, Aspekte, Situationen, die verlassen einen ohnehin nicht, weil sie ständig da sind. Vielleicht sehen wir sie nicht immer, aber eigentlich, wenn wir ehrlich sind, wissen wir um sie. Trotzdem gehen wir fröhlich essen, amüsieren wir uns im Kino oder lassen uns das Fürchten in Vergnügungsparks lehren – und tun so, als gäbe es die reale Welt nicht.

Das hat der Mensch schon immer so gemacht. Er muss es auch ein bisschen so tun. Denn die ureigentliche Wahrheit – dass wir sterblich sind, dass wir verletzbar sind – immer präsent zu haben, ist zwar das Ziel vieler fernöstlicher Meditationsbewegungen und äußerst sinnvoll, aber für die meisten Menschen nicht auszuhalten. Also bleiben sie in ihren Konstruktionen, schützen sie sich mit ihrer eigenen “security blanket”, einem Geflecht aus Kausalitäten, Schlussfolgerungen und Deutungen von Ereignisketten, die zu ihren Lebenswünschen und Ängsten passen, und sieben sich die Welt zurecht: das Gute ins Töpfchen, das Schlechte ins Kröpfchen.

Nur so sind die größten Dauerkatastrophen der Welt zu erklären – Skandale der Fleischproduktion, der Billigproduktion, ein entarteter Energieverbrauch und vieles mehr.

Auch Naturkatastrophen sind längst nicht mehr nur eine Laune der höheren Kräfte, in die wir eingebunden sind. Denn längst haben wir eingegriffen in diese Kräfte, haben wir angefangen, sie zu verändern, das Gleichgewicht auszuhebeln. Das, was sich Naturkatastrophen schimpft, sind in Wirklichkeit oft genug die Reaktionen dessen, was wir ins Kröpfchen packen: das, was wir nicht sehen wollen, nicht wahrhaben wollen. Weil wir gierig geworden sind, unmäßig, unersättlich.

Die Katastrophe, die jetzt in Brasilien am Rio Doce wütet, ist ein trauriges Beispiel dafür. Aufgrund des Preisverfalls wurde die Produktion des Bergbauunternehmens um 40 Prozent erhöht. Als Ausgleich. Dass man die Dämme, die das vergiftete Wasser zurückhalten, dann eigentlich hätte auch verstärken müssen, darauf ist keiner gekommen. Aber das ist vielleicht verständlich, denn aus Sicht des Bergbauunternehmens ist es ja gar nicht vergiftet. Das behaupten nur Experten und Umweltschützer, aber wer hört schon auf die?

Auf 500 Kilometer ist der Rio Doce tot – und zwar richtig tot. Was jetzt da im Wasser schwimmt, ist nichts als giftiger Dreck. Dreck, der in den Ozean fließt. Dreck, der zerstörerischer kaum sein könnte. Und der unvorstellbar viele Hektar Land gleich mitverseucht.

Etliche Dörfer liegen am Rand des verseuchten Rio Doce, und auch eine Stadt mit 400.000 Einwohnern. 400.000 Menschen, die allein hier mit abgefülltem Wasser ernährt werden müssen. Und zwar auf lange, sehr lange Sicht. Denn die chemische Behandlung des Wassers, die bereits in Gang gebracht wurde oder gerade wird, reicht nicht aus, um es zu Trinkwasser zu machen, oder zu Wasser, das man zum Bewässern der Felder nutzen kann. Sie macht es zu Wasser – für was? Für die Wäsche, die man dann auf der Haut trägt? Für die Böden, über die man dann barfuß läuft? Für die Dusche?

Wenn man die Bilder sieht, von dem braunen, toten Fluss, von dem überschwemmten Dorf, kommt Mitgefühl auf. Für diese Menschen hat sich ihre Lebenssituation schlagartig katastrophal gewandelt. Sie sind urplötzlich aus ihrer vermeintlichen Sicherheit herausgefallen, sind konfrontiert mit der eigenen Verletzlichkeit bis hin zur Sterblichkeit.

Vielleicht ist dies der Grund, warum man verwundert ist, wenn man in der Süddeutschen liest, dass es in dem betroffenen Dorf Demonstrationen gibt, die sich nicht gegen das Bergwerksunternehmen richten, sondern verlangen, dass die Arbeit weitergeht. Nun, zehn Prozent der Bevölkerung des Dorfes arbeitet bei dem Bergwerksunternehmen; da erübrigt sich wohl jede weitere Frage.

Wenn die Menschen so dumm sind, oder so in ihren Ängsten verfangen, dass sie alle bei der Zerstörung mitmachen – und genau darauf läuft es ja weltweit hinaus -, und wenn wir keine Kultur entwickeln, die sich dem eigentlichen Thema unserer völlig aus dem Ruder gelaufenen Lebensorganisation widmet, können wir uns unser Mitgefühl eigentlich sparen. Oder vielleicht besser auf die Tiere richten, die bei dieser Katastrophe draufgehen – Tiere, die keine Entscheidung darüber treffen können, was da mit ihrer Welt passiert.

Im Gegensatz zu uns Menschen. Wir Menschen hielten uns einmal für die Krone der Schöpfung. Weil wir nicht uns an die Welt anpassen, sondern uns die Welt passend machen. Weil wir uns über die Natur und das Körperliche erhoben haben, mit unserem Geist darüber hinausgewachsen sind. Weil wir uns die Natur und das Körperliche untertan machen. (Und zumindest epochenweise und ortsweise darf man das Körperliche getrost mit dem Weiblichen gleichsetzen.)

Wenn es stimmt, dass das, was wir erschaffen, immer auch ein Spiegel von dem ist, was wir sind, dann sollten wir einen tiefen, ehrlichen Blick auf den Rio Doce werfen. Auf den Dreck, das Gift, zu dem er jetzt geworden ist. Auf die Lüge, die er offenbart. Auf die Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben, die er uns zeigt.

Aber die Menschen lernen nicht, und sie schauen nicht. Weder die einen, die für eine rasche Wiederaufnahme der Mine demonstrieren, noch die anderen, die jetzt im Eilverfahren und mit fragwürdigen Methoden Gesetze durchpeitschen wollen, die noch mehr Naturzerstörung ermöglichen. Da wird die eine Katastrophe genutzt, um die nächste vorzubereiten.

Die Menschen, so scheint es mir,  haben es wirklich nicht verdient, als Art zu überleben. Und wer kollektiv und auf allen Ebenen so vehement an der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen arbeitet, wird irgendwann bekommen, was er gesät hat.

Wie konnte das passieren? Wie ist es möglich, dass wir es nicht schaffen, Standards und Kontrollen einzurichten, die gewährleisten, dass der Mensch weder die Natur übermäßig ausraubt, noch seine Mitmenschen? Wenn ich jemandem im Park die Handtache klaue, ist das eine Straftat, für die ich bestraft werde. Wenn ich aber eine Firma habe und Angestellte, kann ich ihnen ihre Arbeitskraft klauen, ohne einen echten Ausgleich für das zu schaffen, was ich mir nehme, und alle sagen, das ist halt so. Und je höher man steigt, desto katastrophaler wird es.

Wir Menschen haben versagt, oder wir sind dabei zu versagen. Und wie immer, wenn mir das so bewusst wird, erinnere ich mich an das Ende des von mir mit Abstand am meisten geschätzten Fantasy-Zyklus, der es meisterhaft versteht, die Tragik des Menschen und des Menschseins auf den Punkt zu bringen – und dabei zugleich entlarvend und tröstlich ist.

Die Kunst, so will mir scheinen, hat zwar nicht die Kraft der direkten Veränderung, aber sie hat zumindest das Potential, die Sprachlosigkeit zu überwinden, die einen ansonsten ergreifen müsste angesichts dessen, was Menschen tun.

Sie hat das Potential, uns zu helfen, hinzuschauen, so dass wir, jeder für sich, unsere persönliche “security blanket” entsorgen oder besser, überarbeiten können, und anfangen, uns dem Leben wirklich zu stellen.

Und sie hat die Kraft, die Seele zu nähren und mit dem zu versorgen, was sie ganz besonders braucht, damit wir unsere Wege und Weisen ändern. Vielleicht. Hoffentlich.

Und darum schließe ich diesen Blog-Artikel mit dem Zitat eben jenes tröstlichen Schlusses:

And now the page before us blurs.
An age is done. The book must close.
We are abandoned to history.
Raise high one more time the tattered standard
of the Fallen. See through the drifting smoke
to the dark stains upon the fabric.
This is the blood of our lives, this is the
payment of our deeds, all soon to be
forgotten.
We were never what people could be.
We were only what we were.

Remember us

Das ist es, was dem Menschen letztlich bleibt – die Erkenntnis, dass er trotz seines wiederholten Fehlens, trotz seines endgültigen Scheiterns, trotz seines kurzen Aufflackerns im riesigen Strom und Raum des Universums nicht aufhören darf, zu versuchen und sich zu bemühen, das Gute zu verwirklichen. Dieses Festhalten am Bemühen – auch im Wissen um die letztendliche Unmöglichkeit – ist es, was uns Menschen ausmacht. Was uns menschlich macht.

Daran sollten wir uns immer wieder erinnern. Es ist der Kompass unseres Lebens – sollte es sein. Gerade in Zeiten oder angesichts von Situationen, die mutlos machen. Einen anderen Weg gibt es nicht.

(Zitat: Steven Erikson; A Tale of the Malazan Book of the Fallen)

Lustige Ent-Täuschung

Es gibt eine Szene in “König der Fischer”, in der Lydia die Kappe, die sie eine ganze Weile ständig auf dem Kopf getragen hat, abnimmt. Wie so viele andere Zuschauer auch habe ich erwartet, dass eine Woge von langen Haaren herunterströmen würden, aber stattdessen sehen wir Lydia mit einem frechen Kurzhaarschnitt. Ich liebe diese Szene, seit ich sie das erste Mal gesehen habe.

Als ich vor ein paar Tagen mit meiner Freundin im ›Park mit allen Sinnen‹ war, musste ich daran denken. Nachdem wir den weitläufigen Parcour aus Barfußgang, Klangräumen, Dunkelkammer und diversen Geruchs-, Tast- und Hörstationen hinter uns gebracht hatten, setzten wir uns in den angrenzenden Biergarten und tranken etwas. Um uns herum saßen etliche Motorradfahrer, was nicht ungewöhnlich für den Schwarzwald ist, da die Strecken sehr beliebt sind. Es wunderte auch niemanden, als eine weitere Gruppe von etwa zehn-zwölf Personen auf ihren Motorrädern ankam.

Als sich die Motorradfahrer allerdings aus ihrer Montur schälten und darunter nichts als Frauen zum Vorschein kamen – dünne, korpulente, große, kleine, jüngere, ältere – da konnte man ringsum überraschte Blicke finden. Frauen allein auf Motorradtour? So viele? Dabei machten die Schweizerinnen – das konnte man eindeutig hören – ganz sicher nicht den Eindruck, als hätten sie ein Problem damit. Ich bin sogar sicher, dass sie sich insgeheim darüber amüsiert haben, wieder einmal die typischen Erwartungen hinsichtlich Männer- und Frauen-Domänen torpediert zu haben.

Mir jedenfalls haben sie ein Schmunzeln entlockt. Und den flüchtigen Gedanken beschert, dass es irgendwie schade ist, dass mir Motorradfahren nicht behagt. Und sei es auch nur, um auf solche Weise für Verblüffung sorgen zu können.

Es war einmal ein Lebewesen

Es ist wieder soweit – die Grillsaison ist eröffnet, die Jagd auf das Schnitzel im heimischen neonlichtgefluteten und dauerbeschallten Supermarkt hat begonnen, dem Glück, ihm auf dem ultramodernen superduperpowergesunden fettsparenden Grill endgültig den Garaus zu machen, steht nichts mehr im Weg.

Könnte man meinen, wenn man den alltäglich hereinflatternden und herumliegenden Werbeblättern Glauben schenkt. Fleisch macht glücklich, wahrscheinlich sogar reich und unsterblich, und vielleicht sollte man Menschen, die sich so viel Gutes tun, dass sie jeden Mahlzeitteller nach einem ernährungstechnisch ausgefeilten Mix zu einem Viertel mit Fleisch, Käse, Fisch oder Eier belegen, dafür belohnen. Oder bestrafen, wenn sie es nicht tun. Man könnte zum Beispiel einen Bonus bei der Krankenkasse bedenken, weil man so gut für sich sorgt. Oder man könnte Abstriche bei den Zahlungen zum Lebensunterhalt in Erwägung ziehen, wenn man es nicht tut und dafür der Allgemeinheit zu Lasten fällt. Weiterlesen

Weiblich, erotisch, sexualisiert: eine Frage der Absicht

Neulich während eines Beisammenseins mit Freunden und Bekannten entspann sich eine Diskussion über die zunehmende Sexualisierung unserer Gesellschaft – passend zum Beginn des Frühlings, da ringsum die ersten Halbnackten die Fußgängerzonen bevölkern und allerorten noch mehr als zur kahlen Winterszeit mit Körperlichkeit, Erotik und Sex für alles Mögliche geworben wird.

Und wie immer bei solchen Gesprächen taten sich rasch zwei Lager auf: die einen, die die Freiheit des Individuums retten wollten und Toleranz predigten – lass doch jeden machen, was sie oder er will -, und die anderen, die Unbehagen bei dieser zunehmenden Sexualisierung spüren und sich in der einen oder anderen Weise belästigt fühlen. Übrigens nicht nur Frauen, sondern auch jede Menge Männer. Denn auch Männer sind zuallererst einmal Menschen, und viele haben keine Lust, ständig in einen sexualisierten Kontext hineingezogen zu werden, wo er nicht angebracht ist. Schon gar nicht gegen ihren Willen. Weiterlesen

Wohin uns die Reise der Gier führt

Vor kurzem fand ich von einer nicht unbekannten deutschen Fluggesellschaft einen Hinweis auf das neue Angebot von »Business Class Reisen«, zum Beispiel einmal Abu Dhabi und zurück für 2.599 Euro, incl. sechs Übernachtungen mit Frühstück und Privattransfers. Scrollte man hoch, fand man die Angebote für das Normalvolk, das auf den immer enger werdenden Plätzen der Economy Class sitzt und darauf trainiert wird, Schnäppchen zu jagen und aus dem Hirn zu verdrängen, dass irgendwer ja diese Kosten tragen muss, die man ihm erspart. Am Ende womöglich die (in welchem Land auch immer) arbeitende Bevölkerung? Oh je, darüber wollen wir lieber nicht nachdenken. Wir haben’s ja selbst so schwer. Weiterlesen

Februar 17, 2015Permalink 2 Kommentare

Vom Sinn, sich erschüttern zu lassen

Wie ist es eigentlich möglich, frage ich mich aus aktuellem Anlass seit ein paar Wochen häufiger, dass Menschen wegsehen? Wie schaffen sie es, etwas auszublenden, das sie nicht sehen wollen? Ich meine: wie gelingt es ihnen »bewusstseinstechnisch«, so etwas zu bewerkstelligen?

Wir alle sind fähig zu Mitgefühl und Einfühlungsvermögen. Jeder von uns. Selbst Hitler liebte seinen Schäferhund. Es ist also nicht so, als würden grausame Menschen diese Fähigkeit gar nicht besitzen; sie entscheiden sich nur einfach, sie lediglich bestimmten Kontexten und Lebewesen zukommen zu lassen und ansonsten ihr anderes, kaltes Gesicht zu zeigen. Weiterlesen

Wandel leben

Das Jahr neigt sich dem Ende zu, ein neues steht bevor. Wie immer inspiriert uns der äußere Wandel, in unserem Leben Veränderungen herbeizuführen.

Alles mögliche nehmen wir uns vor – und machen dann, wie jedes Jahr, die Erfahrung, dass es so einfach nicht ist mit der Veränderung.

Vielleicht liegt es daran, dass wir etwas anders haben wollen, aber nicht anders werden wollen. Wir wollen verändern, was uns nicht gefällt, aber nicht zulassen, das wir verändert werden. Wir wollen nicht ans Eingemachte – an unsere innere Struktur.

Genau sie ist es aber, die uns davon abhält, glücklich und geschmeidig genug zu sein, um den Stürmen des Lebens standhalten zu können und intuitiv zu wissen, was für uns richtig ist.

Wenn wir uns also wirklich etwas fürs nächste Jahr vornehmen wollen – oder warum nicht schon für morgen? -, warum richten wir unsere Energie dann nicht auf das Ziel, jene Kraft in uns freizulegen, die uns unsere innere Struktur zu verändern hilft?

Die uns hilft, uns wie ein Bambus im Wind werden zu lassen: flexibel und mit innerer Stärke versehen, verwurzelt und beweglich und auf diese Weise enorm lebendig. Kann es etwas Schöneres geben?