Yann Martel – Life of Pi

Yann Martel, Autor des Bestseller-Romans »Life of Pi«, der durch Ang Lees wunderbare Verfilmung viele Jahre nach seinem Ersterscheinen noch einmal kräftig ins Licht der Öffentlichkeit gerückt ist, wird heute 50 Jahre alt.

Yann Martel; Quelle: Wikipedia
Yann Martel; Quelle: Wikipedia

Ich kannte das Buch nicht, bevor ich »Life of Pi« (deutscher Titel: »Schiffbruch mit Tiger«) sah, und ich hatte auch von dem Autor noch nie gehört, da ich damals sehr mit anderen Dingen beschäftigt gewesen war. Inzwischen habe ich den Film fünf mal gesehen (davon vier mal im Kino), und das Buch verschlungen. Es gibt nicht viele Werke, bei denen mich Buch und Verfilmung gleichermaßen begeistern; dies ist einer der wenigen Fälle, in denen es so ist.

Der Film beeindruckt mich durch die spirituelle Kraft einerseits und die Verwandlung von Pi, der seine eigene Angst in gestaltende Kraft zu transformieren vermag, um letztlich durch die Hingabe an eine höhere Macht die wahre Rettung – seine innere Kraft – zu finden. Der Film ist eine einzige Aufforderung, ebenfalls nach dieser Kraft, diesem Vertrauen zu suchen bzw. es in sich zuzulassen.

Im Buch, einem gänzlich anderen Medium, werden die philosophischen Themen und Inhalte sehr viel tiefgründiger ausgelotet, als ein Film das jemals könnte. So wie etwa die Angst, die im Film kaum mehr als angedeutet werden kann, und es uns als Zuschauern überlassen bleibt, sie mit Wahrnehmung und Gedanken zu füllen. Anders im Buch:

Es ist nicht leicht, diese Dinge in Worte zu fassen. Denn echte Angst, diejenige, die uns bis in die Grundfesten erschüttert, Angst etwa, die wir spüren, wenn wir dem Tod ins Auge blicken, nistet sich in der Erinnerung ein wie ein Faulbrand: Sie lässt alles verrotten, selbst die Worte, mit denen wir von ihr sprechen. Man muss um diese Worte ringen. Man muss kämpfen und das Krebsgeschwür ins Licht der Worte zerren. Denn wer das nicht tut, wer seine Angst im wortlosen Dunkel lässt, wem es womöglich sogar gelingt, sie zu vergessen, der öffnet sich jedem neuen Angriff der Angst, weil er mit dem Gegner, der ihn beim ersten Mal bezwang, nie wirklich gerungen hat.

Nirgendwo habe ich das Wesen der Angst – der, wie Martel sagt, »echten« Angst – pointierter und zutreffender beschrieben gefunden als hier, und vielleicht hat »Life of Pi« mich deshalb so berührt, seit ich darauf aufmerksam geworden bin. Ich kenne diese Angst, die aus bestimmten Erfahrungen oder Zusammenstößen mit der Welt erwächst, ich weißt, dass Martel mit jedem Wort, das er darüber schreibt, recht hat. Und ich weiß, dass er auch recht damit hat, wie man diese Angst besiegen kann.

Ang Lee hat das Besiegen der Angst und das Finden der eigenen Kraft und des Vertrauens oder Glaubens in einer wunderbaren Drehbuchbearbeitung des Romans zelebriert, die durch die 3D-Technik umso intensiver »unter die Haut geht«. Es ist leicht, die Kraft am eigenen Leib zu spüren, und sie in sich aufzunehmen.

Es gibt aber noch einen Aspekt an Martels Roman, der mich fasziniert. Dieser bezieht sich weniger auf den Inhalt, sondern auf die Ebene darüber. Ich meine die Tatsache, dass man sich in den Worten anderer wiederfinden kann, dass die eigenen Worte, die Geschichten, die man schreibt, von anderen »verstanden« werden und somit »heilenden« Charakter haben können. Natürlich ist dies immer individuell und muss noch nicht einmal vom Autor oder der Autorin intendiert sein; aber wenn es funktioniert, wenn man es bemerkt, bekommt man immer auch einen Hauch der universellen Wahrheit zu spüren, die alle Menschen in sich tragen und die alle Menschen verbindet – verbinden könnte. Und das ist eine sehr tröstliche Vorstellung.

Life of Pi anderes3-596-15665-3.222922 (Zitat aus der Übersetzung von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allie)

 

 

 

 

 

 

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