Zum Geburtstag von Jennifer Roberson

Und wieder einmal gibt es einen Anlass, auf eine Autorin hinzuweisen, von der ich einige Bücher übersetzen durfte. Diesmal handelt es sich um Jennifer Roberson, die vor zwei Tagen 60 Jahre alt geworden ist.

Die Bücher von Jennifer Roberson, die ich übersetzt habe, sind relativ klein – der zweite Band der Robin-Hood-Interpretation, die schottische Geschichte über das Massaker von Glencoe, und schließlich zwei der Karavans-Bücher -, aber sie überzeugen durch eine dichte Sprache, tiefgründigen Humor und wunderbar pointiert geschilderte zwischenmenschliche Beziehungen.

Karawane Roberson

Robersons Bücher mögen nicht jedermanns Sache sein; mich haben sie mit der Mischung aus Leichtigkeit (wunderbare Dialoge), einer Erzählstimme mit Sinn fürs Absurde und der Fähigkeit, der dunklen Seite der Menschen ihren Platz einzuräumen, überzeugt. Wer allerdings vordergründige Action sucht, wird hier sicher nicht fündig werden.

Eigentlich sollte hier – wie bei ihrer Kollegin Kate Elliott – eine Verlinkung zu Bibliotheka Phantastika erfolgen. Der zum Jubiläum von Roberson vorgesehene Artikel von Gerd Rottenecker ist allerdings leider nicht rechtzeitig fertiggeworden, um dort erscheinen zu können. Da man aber nur einmal 60 wird, und mir die Autorin am Herzen liegt, können Sie ihn stattdessen direkt hier lesen.

 

Bibliotheka Phantastika gratuliert Jennifer Roberson zu ihrem 60. Geburtstag. Die am 26. Oktober 1953 in Kansas City, Missouri, geborene, aber seit 1957 in Arizona aufgewachsene und seither dort lebende Jennifer Mitchell Roberson O’Green debütierte 1984 mit dem Roman Shapechangers, dem Auftakt der Chronicles of the Cheysuli, ihrem bis heute umfangreichsten Werk. Mehr oder weniger parallel erschien mit „Blood of Sorcery“ auch ihre erste, ebenfalls im Cheysuli-Universum spielende und später zum sechsten Roman des Zyklus erweiterte Kurzgeschichte im ersten Band der von Marion Zimmer Bradley herausgegebenen Anthologiereihe Sword & Sorceress (zu der sie auch später immer wieder Geschichten beigesteuert hat).

Im Mittelpunkt der im Jahresabstand fortgesetzten, bisher aus acht Bänden bestehenden Chronicles of the Cheysuli – auf Shapechangers folgten The Song of Homana (1985), Legacy of the Sword (1986), Track of the White Wolf (1987), A Pride of Princes (1988), Daughter of the Lion (1989), Flight of the Raven (1990) und A Tapestry of Lions (1992) – stehen logischerweise die titelgebenden Cheysuli, ein Volk zauberkräftiger Gestaltwandler, die jahrhundertelang mit den normalmenschlichen Bewohnern von Homana verbündet waren, bis der Cheysuli-Leibwächter des Mujhar (das ist so etwas wie der König der Homans) mit dessen Tochter durchbrannte und dadurch Geschehnisse in Gang setzte, die zu einer generationenlangen Auseinandersetzung zwischen Homans und Cheysuli führten. Düstere Prophezeiungen, animal bonding, verbotene Liebschaften zwischen den Angehörigen der verfeindeten Völker (zu denen sich auch noch die ebenfalls zauberkräftigen Ihlini und die Bewohner der Insel Atvia gesellen) und aus ihnen hervorgegangene, zwischen allen Fronten stehende Mischlinge sind die Bestandteile dieses Zyklus, der in vielerlei Hinsicht typisch für eine bestimmte Art 80er-Jahre-Fantasy ist. Ein weiteres Merkmal des Cheysuli-Zyklus, der auf Deutsch in den neun (Band acht des Originals wurde geplittet) Bänden Wolfsmagie, Das Lied von Homana (beide 1996), Das Vermächtnis des Schwerts, Die Fährte des weißen Wolfs, Die Ehre der Prinzen, Die Tochter des Löwen, Der Flug des Raben, Ein Gobelin mit Löwen und Löwenmagie (alle 1997) erschienen ist, sind die starken Frauenfiguren, die sich allerdings in so ziemlich allen Romanen von Jennifer Roberson finden lassen.

Das gilt auch für die Sword-Dancer Saga, die sie 1986 mit Sword-Dancer begonnen und mit Sword-Singer (1988), Sword-Maker (1989), Sword-Breaker (1991), Sword-Born (1998), Sword-Sworn (2002) und Sword-Bound (2013) fortgesetzt hat. Im ersten Band des manchmal auch Tiger & Del genannten Zyklus trifft die aus dem kalten Norden stammende Del (eigentlich Delilah), die auf der Suche nach ihrem von Sklavenjägern entführten Bruder tief in den Süden gekommen ist, den vortrefflichen Schwerttänzer und Assassinen Tiger (eigentlich Sandtiger) und heuert ihn an, ihr bei ihrer Suche zu helfen bzw. ihr als Führer in seiner zum größten Teil aus Wüste bestehenden Heimat zu dienen. Die Tatsache, dass Del ihrerseits nicht nur ebenfalls eine Schwerttänzerin – oder, genauer: eine Schwertsängerin – sondern außerdem auch noch überaus eigensinnig und sehr hübsch ist, sorgt logischerweise für jede Menge Komplikationen und amüsante Wortgeplänkel. Natürlich rauft sich das nur vordergründig ungleiche Pärchen zusammen und erlebt gemeinsam etliche Abenteuer, die sie schon im zweiten Band in den kalten Norden und wenig später auf die Spuren ganz besonderer Geheimnisse führen.

Im Gegensatz zu den vielleicht am ehesten als dynastische High Fantasy zu bezeichnenden Chronicles of the Cheysuli sind die Romane um Tiger & Del waschechte Sword & Sorcery mit einem überaus sympathisch gezeichneten Heldenpärchen, das durch die sich alsbald abzeichnende jeweilige persönliche Geschichte Tigers und Dels trotz des augenzwinkernden Erzählstils rasch an Tiefe gewinnt, was in der Mischung vor allem die – inhaltlich eng zusammenhängenden – ersten vier Romane zu einem echten Lesespaß macht. Auf Deutsch sind sechs der sieben Originalbände in sieben Bänden (Band fünf und sechs entsprechen dem fünften Originalband) als Schwerttänzer-Zyklus mit den Titeln Schwerttänzer, Schwertsänger, Schwertmeister (alle 1993), Schwertmagier (1995), Schwertprinz, Schwertrache (beide 2001) und Schwertbruder (2003) erschienen.

Nachdem Jennifer Roberson bereits zu Anfang ihrer Karriere ein paar Abstecher in andere Genres gemacht hatte (so hat sie in den 80ern u.a. einen Western geschrieben), wandte sie sich in den 90ern erneut teilweise anderen Bereichen zu und schrieb mit Lady of the Forest (1992; dt. Herrin der Wälder (1995)) und Lady Of Sherwood (1999; dt. Die Herrin von Sherwood (2002)) zwei Romane über Robin Hood, in denen Lady Marian eine deutlich wichtigere Rolle als ansonsten üblich spielt, mit Lady of the Glen (1996; dt. Herrin der Täler (2004)) einen historischen Roman über das Massaker von Glencoe, und mit Scotland The Brave (1996) einen Roman zur TV-Serie Highlander. Außerdem verfasste sie einen Teil des Gemeinschaftswerks The Golden Key (1996), das bereits im Text zu Kate Elliotts Geburtstag erwähnt wurde, und gab die Anthologien Return to Avalon (1996; dt. Rückkehr nach Avalon (1997)) und Highwaymen: Robbers and Rogues (1997) heraus, zu denen sich 2001 noch Out of Avalon (dt. Jenseits von Avalon (1999)) gesellte.

2006 erschien schließlich mit Karavans (dt. Die Karawane (2010)) der bereits etliche Jahre zuvor angekündigte erste Band eines (genauso betitelten) neuen Zyklus, in dem es um eine Flüchtlingskarawane geht, die einem überaus merkwürdigen, geheimnisvollen Wald ein bisschen zu nahe kommt. Dieser Wald – Alisanos – kann sich nicht nur aus freien Stücken fortbewegen, sondern ist ein lebendiges, fühlendes Wesen, dessen Magie jeden Menschen verändert, der ihn betritt oder von ihm verschlungen wird. Doch Alisanos‘ Magie wirkt noch viel tiefgründiger, wie in den bislang erschienenen Fortsetzungen Deepwood (2007; dt. Im Dämonenwald (2010)) und The Wild Road (2012) deutlich wird. Ähnlich wie im Cheysuli-Zyklus verknüpft Jennifer Roberson auch in der Saga vom Dämonenwald ein großes Hintergrundthema (in diesem Fall das Los von Menschen auf der Flucht vor einem drohenden Genozid) mit mal kleineren, mal größeren persönlichen Dramen und bevölkert das Ganze mit so unterschiedlichen Figuren wie der schwangeren vierfachen Mutter Audrun mit ihren meist recht profanen Problemen, oder dem Karawanenwächter Rhuan, der als Shoia angeblich über die Gabe verfügt, sechsmal von den Toten zurückkehren zu können, in dem aber noch viel mehr steckt.

Die Geschichte des Dämonenwalds und derer, die auf die eine oder andere Weise mit ihm zu tun haben, soll in einem bislang noch nicht geschriebenen vierten Band (mit dem Arbeitstitel Dragon Moon) abgeschlossen werden, doch bis dahin dürfte noch einige Zeit vergehen. Denn zuvor will Jennifer Roberson noch einen weiteren Roman mit Tiger & Del verfassen, in deren Welt sie 2013 mit Sword-Bound nach einer mehr als zehnjährigen Pause zurückgekehrt ist. Und nach dem vierten Karavans-Band sollen drei Cheysuli-Romane kommen, die zeitlich vor bzw. zwischen den bisher erschienenen Bänden angesiedelt sein werden.

Jennifer Roberson ist eine Autorin, deren Stärken vor allem auf erzählerischem Gebiet und in der einfühlsamen Charakterisierung ihrer Figuren liegen, egal, ob es sich dabei um Cheysuli-Bastarde, starke Frauen, von sich selbst eingenommene Schwerttänzer, mit mehreren Leben ausgestattete Shoia oder jemanden wie den guten alten Robin Hood handelt. Wer ihre Art zu schreiben kennenlernen möchte, ohne gleich mit einem mehrbändigen Zyklus anzufangen, kann das z.B. auch mit Guinevere’s Truth and Other Tales (2008) tun, einem Band, der einen Querschnitt ihrer Geschichten – angefangen bei ihrer allerersten – bietet und in dem neben Erzählungen aus dem Cheysuli-Universum auch jeweils eine aus der Welt der Karavans, mit Tiger & Del und mit Robin Hood zu finden sind.

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