Diesseits der Nacht – Comic aus der Ortenau

Nackte Frauen in Comics sind eigentlich nie mein Ding gewesen. Wer mich noch aus der Zeit von Comic Speedline, Comic Almanach und Rraah! in der ersten Hälfte der 90er Jahre kennt, weiß, dass ich meinen ganz persönlichen, 80er-Jahre-geprägten feministischen Blick hatte und mich auch nie gescheut habe, ihn in Rezensionen, Artikeln oder Dia-Vorträgen zu feministischen Independent-Künstlerinnen wie Roberta Gregory oder Julie Doucet kundzutun.

Wenn ich jetzt Werbung für Helmut Schulz’ ersten Band »Diesseits der Nacht« aus der auf mehrere Bände angelegten Reihe »Telaya & Dioman« mache, könnte man meinen, dass ich meine Meinung geändert habe. Schließlich läuft seine Protagonistin abgesehen von wenigen Bildern im Anfangsteil der Rahmenhandlung durch und durch nackt durchs Bild, und ihre Haut zieren höchstens ein paar hübsche Ranken. Aber ich habe meine Meinung nicht geändert; sie hat sich vielmehr in den letzten Jahren noch verfeinert und ist klarer geworden. Und allein der Zeichenstil von Schulz verrät, dass seine Absicht nicht die Zurschaustellung des weiblichen Körpers um seiner selbst willen oder aus Effekthascherei ist, sondern dass eine klare, gute Geschichte dahintersteht.

Zugegeben, früher hätte ich das nicht so leicht gelten lassen. Früher hätte ich gesagt, dass mit diesem Argument schon immer versucht wurde, allerlei Sexismus zu rechtfertigen, und dass das bei mir nicht zieht. Aber früher wusste ich auch einige entscheidende Dinge aus meiner persönlichen Vergangenheit nicht, und ich wusste nicht, wie  dieses Nicht-Wissen mir das Differenzieren erschwert hat, wenngleich die Tatsache bleibt, dass es so etwas wie das, was Schulz gemacht hat, damals ganz sicher nicht gab.

Was ist nun aber das Besondere an dem Comic? Nun, zum einen die Graphik. Schulz erzählt in einem wunderbar eigenständigen Stil, der am ehesten an eine Mischung aus Loisel und Cosey erinnert. Dann natürlich die Geschichte an sich, die mit kosmischen Ausmaßen, Schöpfungshintergrund und archaischer Tiefe aufwartet, verzaubert, berührt und einen an der ein oder anderen Stelle durchaus auch zum Weinen – oder Schmunzeln – bringt.

Keine Frage, in den 10 Jahren, die von der ersten Idee bis zur Fertigstellung des Comics vergangen sind, hat Schulz zu einer sehr schönen Erzählstruktur gefunden, zu wunderbar komponierten Seiten, die von einer Geisteshaltung zeugen, in der Ehrfurcht vor dem Leben und der Natur noch eine Rolle spielt.

Und dann also diese Frau, Cin’Thele, die Protagonistin des einen Handlungsstrangs (es gibt mehrere), die nackt und unwissend auf einer ihr völlig fremden Welt erwacht. Genauso unschuldig, wie sie sich fühlt – denn da, wo sie herkommt, gibt es all die Schubladen bzgl. Körper und Geist nicht, wie wir es hier gewohnt sind – läuft sie auch durch den Comic. Eine selbstbewusste Frau, eine starke Frau, und das nicht nur als Kriegerin bekleidet auf den ersten Seiten, sondern auch nackt auf allen folgenden.

Man darf gespannt sein, wie die Geschichte weitergeht. Wer bei der Release-Veranstaltung am 28.2.14 war, konnte sich bereits einen ersten Eindruck davon verschaffen, denn dort gab es ein paar Einblicke in Vorzeichnungen des nächsten Bandes. Im Anschluss an eine musikbegleitete Film-Version des Comics, in der Schulz die Geschichte dramatisch inszeniert hat, in einer Abfolge von nacheinander und übereinander auftauchenden Panels und Sprechblasen, mit denen er einen ganz eigenen Rhythmus erzeugte und der Geschichte noch einmal eine ganz andere, eigene Intensität verlieh.

Und hier kommt noch ein Grund, warum mir dieser Comic gefällt: auf der Release-Party hatte ich die Gelegenheit, den Künstler, der sehr sympathisch daherkommt, kennenzulernen und auf meine Frage, warum denn seine Protagonistin Cin’Thele die ganze Zeit nackt herumläuft, eine glaubhafte Antwort zu erhalten. Was er dazu sagte und was er zu anderen Fragen sagt, wird es  demnächst in einem  Interview hier in diesem Blog zu lesen geben.

Der Comic (Band 1) ist als Printversion hier im Selbstverlag erhältlich. Außerdem erscheint er seit kurzem in wöchentlichem Abstand als Web-Comic unter der gleichen Adresse.

fc_de


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