Wie Kinderseelen geopfert werden – Marion Zimmer Bradley & Co.

»Es ist ein unheimlich spannendes Verfahren«, wird Staatsanwaltsschafts-sprecher Alexander Badle im Zusammenhang mit den Ermittlungen im jüngsten Fall von Kinderpornographie in Deutschland zitiert.

Ein Satz, der so oft wiederholt wird, wie der Artikel im Netz auftaucht. Ein Satz, der mir eine Gänsehaut bereitet.

Genauso wie die im Zusammenhang mit den Missbrauchsenthüllungen um Marion Zimmer Bradley erhobene Forderung, man müsse Werk und Autor(in) trennen. Oder wie die Tatsache, dass Jimmy Savile, gefeierter BBC-Moderator in Großbritannien, ungehindert mindestens 500 (verbürgte) Missbrauchs- und Vergewaltigungstaten in psychiatrischen Kliniken verüben konnte, obwohl mehrfach von Opfern darauf hingewiesen wurde. Oder wie die Reaktion des Reformpädagogen Hartmut von Hentigs, der die Missbrauchstaten an der Odenwaldschule unter Leitung seines Freundes und Täters Gerold Becker beschönigte und die Kinder als Verführer darstellte.

Marion Zimmer Bradley, Jimmy Savile, Rolf Harris, Piers Anthony, Hartmut von Hentig – nur einige Namen von Berühmtheiten, die Kindesmissbrauch und/oder Pädophilie schönreden, in ihren Werken zelebrieren, andere decken und/oder selbst gedeckt werden oder gegenüber irgendwelchen Einsichten in ihr Tun und Treiben ziemlich resistent sind.

Als wäre das nicht erschreckend genug, konzentriert sich die Berichterstattung auf die Täter, auf die Ermittlungen, bleiben die Opfer wieder einmal außen vor. Es geht nicht um sie. Obwohl sicherlich die meisten Menschen – von denen, die keine Täter sind – Mitgefühl mit ihnen haben, bleibt dieses Mitgefühl meist abstrakt. Lippenbekenntnisse oder wortreiche Aussagen auf schützendem Papier. Ansonsten herrscht Schweigen, wird das Unbehagen in Bezug auf Missbrauch, auf die Zerstörung von Kinderseelen, in Zorn auf die Täter gewandelt, oder in Zweifel an der Täterschaft, oder in Angst um die eigenen Kinder.

»Wie kann man Kinder vor Pädophilen schützen?«, ist eine Frage, die immer wieder im Zusammenhang mit Missbrauchsenthüllungen auftaucht.

Ganz einfach, möchte ich sagen, wobei ich die Diskussion darüber, was genau Pädophilie ist und ob es nur Pädophile sind, die Kinder missbrauchen, jetzt einfach mal ignoriere, denn dass Missbrauch von Kindern stattfindet, ist keine Frage, und nur darum geht es hier.

Ganz einfach, sage ich also. Indem man hinschaut. Indem man die Augen aufmacht und den Mut hat, die Stimme zu erheben, sich nicht schrecken lässt durch Honoratioren oder bekannte Namen oder mögliche Repressalien. Indem man den Schutz von Kindern nicht opfert zugunsten von falsch verstandener Loyalität gegenüber irgendwem. Indem man in der Lage ist, auf Streicheleinheiten zu verzichten, wenn diese daran gekoppelt sind, Verbrechen zu übersehen.

Indem man vor allem anfängt, das Kind in sich selbst kennenzulernen, Kontakt mit dem aufzunehmen, was man Inneres Kind nennt. Wenn man das tut, kommt man mit etwas in Berührung, das einem ganz von allein sagt, was man tun soll. Der Weg ist vielleicht nicht leicht, aber es ist der Weg. Denn Kinder können wir nur vor Missbrauch schützen, wenn wir sie wahrnehmen können, wenn wir spüren können, wie sie leiden.

Der menschliche Geist ist zu großen Leistungen fähig. Er hat uns auf den Mond fliegen lassen und Dichter wie Goethe hervorgebracht, deren Werke immer noch gelesen werden. Ihm verdanken wir die Relativitätstheorie und die 5. Symphonie von Beethoven.

Der menschliche Geist ist aber auch zu absoluten Grausamkeiten fähig. Er ersinnt Foltermethoden und generalstabsmäßiges Ausrotten anderer Lebewesen, er verteidigt Frauenfeindlichkeit und produziert Armut und ist dabei, die Welt zu zerstören.

Wir wissen das. Wir wissen, dass der Geist nicht unfehlbar ist. Dass er verführbar ist – aber nicht von Kindern, wie von Hentig meint, sondern von dem, was im eigenen Innern ist. Von den Folgen als Kind erlittener eigener Schmerzerfahrungen, die unbearbeitet beiseite geschoben und achtlos geleugnet werden.

Arthur Janov – der mit dem Urschrei, wie seine Methode etwas unglücklich übersetzt wurde -, hat Pionierarbeit darin geleistet, was mit Kindern passiert, die Schmerzerfahrungen ausgesetzt sind, die der Organismus nicht verarbeiten kann. Alice Miller hat großartige Werke geschrieben über die Seelen von Kindern. Sie beide und viele andere wissen, dass man nicht massiv misshandelt und missbraucht worden sein muss, um eine verletzte Seele zu haben. Sie wissen, dass Kinder empfindsame, zarte, verletzbare Lebewesen sind, und dass alle Verletzungen ihrer Seele sich rächen, in ihrem eigenen Leben und oft genug später im Leben anderer.

Denn Blindheit, die als Kind erworben wurde, um selbst zu überleben, Taubheit, Stummheit, Gefühllosigkeit – all das löst sich nicht von allein auf, wenn man nichts dafür tut. Und so bleibt man blind und sieht als Erwachsener nicht, was wirklich geschieht, man bleibt taub und hört die Schreie anderer leidender Kinder nicht, man bleibt stumm und findet nicht die Worte, die Trost spenden könnten und Leiden beenden könnten, man ist »frozen«, erstarrt bis zur Gefühllosigkeit, vereist, unempfindlich gegenüber dem Schmerz, der sich vor den eigenen Augen abspielt. Spiegelneuronen allein führen nicht zu Mitgefühl. Die Spiegelneuronen in uns müssen gelebt werden, sonst bleiben sie tot.

Wir sind eine Gesellschaft – eine Welt – von Gefühllosen geworden, denn was als Gefühl gilt, ist oft flächig, ist oberflächliches Gekreische und Gejaule, aber kein wirkliches Empfinden, das in die Tiefe geht. Denn wirkliches Empfinden, nicht als grenzenloses, entgrenztes Mitleiden, sondern als verantwortungsfähiges Fühlen, auf der Basis des Wissens um die eigene Schmerzempfindlichkeit, ist handlungsfähig, findet Wege, erhebt sich und setzt sich für leidende Kinder ein.

Wenn wir wollen, dass unsere Kinder geschützt sind vor Misshandlung und Missbrauch, müssen wir etwas tun, was wir höchst ungern tun: wir müssen uns an unsere Seele erinnern, an unsere individuelle und auch an unsere kollektive. Dazu müssen wir uns und unsere Lebensweise radikal in Frage stellen. Wir müssen den Gang in die Nacht unserer eigenen Seele antreten, um einen Begriff des Mythenforschers Joseph Campbell zu benutzen, um zu dem zu kommen, was wirklich wichtig ist.

Und wir müssen noch etwas tun: wir müssen unseren Geist bewachen. Wir müssen aufhören zu glauben, wir könnten einfach so drauflosfühlen und draufloshandeln, antitautoritär und infantil. Wir müssen ein Gespür dafür bekommen, dass nicht alles, was unser Bauch uns sagt, automatisch gut ist, dass unsere Instinkte und Triebe nicht automatisch befriedigt werden müssen, dass sie – gerade, wenn man selbst Schlimmes erlebt hat – oft verrenkt sind, und dass es einen liebevollen, gütigen und verständnisvollen, aber dennoch einen entschiedenen, klaren leitenden Geist braucht, der uns davon abhält, Dinge zu tun, die wir, wären wir bei klarem Verstand, niemals gutheißen würden.

»Auf die Dauer der Zeit nimmt die Seele die Farbe deiner Gedanken an«, hat Marc Aurel gesagt. Und die Gedanken, das wissen wir heute, nehmen auf Dauer die Farbe dessen an, womit sie sich beschäftigen. Es ist ein sehr klarer, sehr wachsamer Geist erforderlich, um nicht zum Opfer dessen zu werden, womit man sich beschäftigt. Oder vielleicht sollte ich sagen, es ist ein Geist erforderlich, der immer wieder bereit ist, zu hinterfragen, zu spüren, was er eigentlich tut.

Wenn wir so weit sind, dass wir so etwas zum Standard machen, werden die Kinder vielleicht eines Tages nicht mehr auf den Altären der Erwachsenen geopfert.

Weitere Links:

Gedicht von Moira Greystone, der Tochter von MZB (Triggerwarnung)
Interview mit Mark Greystone, dem Sohn von MZB (ebenfalls Triggerwarnung)
Zu Piers Anthony: Bibliotheka Phantastika
2011 Aberkennung des Preises der Comenius-Stiftung an Hartmut von Hentig

4 thoughts on “Wie Kinderseelen geopfert werden – Marion Zimmer Bradley & Co.

  1. Ein sehr bewegender und tieftrauriger Bericht.

    Was geschieht mit den verletzten, missachteten Seelen?
    – Den wenigsten gelingt von selbst ein Ausbruch aus dem Trauma.
    – Einige verkümmern, versuchen aber dennoch, sich im Leben zurecht zu finden, versuchen das Erlebte irgendwie zu vergessen.
    – Einige verkrüppeln, tun sich oft schwer im Umgang mit Menschen, oft aus Angst, erneut verletzt zu werden.
    – Und viele sterben ab, lassen den Menschen verrohen. Und da schießt sich der (Teufels-) Kreis: Aus dem einstigen Opfer wird oft ein Täter.

    Es klingt vielleicht naiv, aber ich bin der Überzeugung, dass weder Mensch noch Tier „böse“ geboren wird. Man wird geprägt durch das Umfeld und erlebte Erfahrung. Klingt einfach? Ist es aber leider nicht in unserer heutigen Gesellschaft.

    • Ja, ich sehe das genauso. Niemand wird böse geboren. Aber der Mensch ist eben sehr leicht in einer Weise zu prägen, die in ihm die Fähigkeit zu „bösenTaten“ hervorlockt. Und irgendwann können sich diese „bösen Taten“ so manifestieren, dass sie doch eine Art Charakter darstellen.

      Es ist traurig, da meiner Meinung nach jeder Mensch danach strebt, sich als „gut“ wahrnehmen zu können, und zwar nicht nur vor anderen Menschen, sondern vor allem auf einer höheren Ebene. Aber wir lernen diese Erfahrung erst einmal im irdischen Kontext, von unseren Eltern, die damit die Weichen stellen. Und Eltern, die uns nicht das Gefühl geben, das wir eigentlich gut sind, verletzten uns in unserem tiefsten Kern.

      Was dabei herauskommt, sieht man auch an der derzeitigen Welt. Denn zwar ist jederzeit eine Umkehr möglich, aber sie ist mühsam und wir haben keine Tradition darin. Und es ist leider leichter, sich anderweitig zu trösten und zu kompensieren.
      Man kann nur hoffen, dass trotzdem immer mehr diesen Weg gehen werden.

      (übrigens entschuldige die späte Antwort, aber ich hatte bisher keinen richtigen Spam-Filter, deshalb ist dein Kommentar leider untergegangen. Ich habe das aber jetzt nachgeholt und so etwas kann jetzt nicht mehr passieren …)

  2. Dieser Hoffung schließe ich mich gerne an – du weißt ja, es ist die Hoffnung, die zuletzt stirbt…

    (zur verspäteten Antwort: ist kein Problem für mich, bei dem hohen Spam-Aufkommen, den ja die meisten von uns ja auch kennen, kann sowas ja auch leicht passieren 😉 )

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