Was nicht von uns bleibt

Normalerweise lernen wir einen Menschen kennen, indem er sich mehr oder weniger in dem zeigt, was und wie er ist. Wir nehmen ihn über die Sinne wahr, hören ihn, sehen ihn, vielleicht riechen wir ihn auch, wir analysieren möglicherweise seine Worte, legen Bedeutung in das, was wir von ihm wissen. Und irgendwann, manchmal nach kurzer Zeit, manchmal nach einer halben Ewigkeit, glauben wir, diesen Menschen zu kennen. Er ist da, präsent in unserem Kopf. Wenn er eines Tages geht, was bleibt dann von ihm? Eindrücke, die wir nicht vergessen können, auch wenn sie allmählich in einen Bereich unseres Hirns rutschen, den wir nicht mehr ständig aufsuchen.

Manchmal ist es aber auch anders herum. Manchmal lernen wir einen Menschen in dem Augenblick »kennen«, in dem er vergeht. Wir sehen ihn nicht, wir hören ihn nicht, wir riechen ihn nicht – und alles, was wir über ihn wissen, erfahren wir über das, was von ihm übrigbleibt. Die möblierte Wohnung, oder die Büchersammlung, die nun seltsam tot wirkt, da der Besitzer sie nicht mehr beleben kann, und der doch ein eigenartiger Rest Leben anhaftet. Wenn man in diesen Momenten ganz still ist, kann man einen Hauch der Präsenz des ehemaligen Lebens spüren, man spürt den Fokus, der der Ordnung entstammt, die diesem Menschen eigen war, und nur diesem. Manchmal, wenn es sich um schon seit langem Verstorbene handelt, von denen andere Dinge erhalten sind – wie es im Wohnhaus von Goethe in Weimar der Fall ist – spürt man einen Hauch Ewigkeit, vermischt mit Ehrfurcht. Der Mensch, der Dichter, der Forscher – hier, anhand seiner Gegenstände, selbst seines Gartens, in dem Blumen und Kräuter von heute wachsen, erwacht er in der Wahrnehmung des Betrachters für einen Moment zum Leben.

Goethes Kutsche in Weimar

Und dann gibt es noch die ganz anderen Fälle. Vielleicht steht man morgens auf, hört wildes Klopfen und Hämmern durch die geöffneten Fenster, und als man hingeht, um nachzuschauen oder die Fenster zu schließen, sieht man einen riesigen Container auf der anderen Straßenseite, und daneben einen Wagen für Gebrauchtmöbel. Männer stehen an den drei Fenstern der darüberliegenden Wohnung, werfen Gegenstände herunter, mit lautem Krachen, unzeremoniell, unbeteiligt.

Lose, flatternde Blätter, Schubladen mit Inhalten, die aus dieser Entfernung nicht zu erkennen sind. Kleidungsstücke hängen über den Rand des Containers, ein Herrenfahrrad – vielleicht auf dem Weg zu einem neuen Besitzer? – lehnt von außen an dem Metall. Etliches, das ich nicht erkennen kann, fliegt in hohem Bogen ebenfalls in den Container – die Vernichtung eines Lebens, das erloschen ist oder verlegt wurde, ich weiß es nicht, ich weiß nur, dass ein Mensch, der hier lebte, den ich nicht kannte, lediglich ein oder zwei Mal als Schemen hinter seinen Fenstern herumgehen sah, jetzt plötzlich eine eigenartige, nachdenklich stimmende Existenz erhält.

Denn während ich zuschaue, wie all das, was ihn umgeben hat, was ein Teil von ihm war, vernichtet wird, wie es dem Vergessen anheimfällt, zusammen mit der Pflanze, die gerade herabsaust, entsteht überhaupt erst in meinem Kopf ein Bild von einem Menschen, den ich nie gekannt habe, auch nie kennenlernen werde, den ich erst im Moment seines wie auch immer gearteten Rückzugs aus dem Leben wahrnehme. Gab es niemanden, der sich seiner Sachen annehmen wollte? Niemanden, dem das, was ihn ausgemacht hat, etwas bedeutet? Oder sehe ich nur einen Ausschnitt eines Ganzen, das ich nicht verstehe?

Es ist ein leises Verschwinden, trotz der Lautstärke, mit der die Entsorgung dieses Lebens stattfindet, trotz der Lieblosigkeit, mit der die Männer ihre Arbeit verrichten. Ein unscheinbares Verschwinden, unspektakulär im tiefsten Innern, ein Spiegelbild der Bedeutungslosgkeit, die jeder einzelne Mensch im großen Meer des Universums einnimmt, wenn die individuelle körperliche Hülle weicht und nichts übrigbleibt als der immaterielle Geist, der Teil des Ganzen ist.

Es ist ein Moment des Innehaltens, des Erinnerns daran, wie schnell man selbst in Bedeutungslosigkeit versinken kann, und wie wichtig es ist – nein, nicht mit allen Mitteln nach Bedeutung zu streben, in der Hoffnung, dass andere sich später an einen erinnern -, sondern sich diesen Prozess, diesen Weg alles Irdischen bewusst zu machen, sich von ihm leiten zu lassen statt von der Idee, irgendwelche Materie könnte einen länger im Leben halten als das Leben selbst. Das, was unser Leben reich macht, ist der Sinn, den wir dem Leben und dem Lebendigen geben, sind die Eindrücke, die unsere Seele gewandelt hat, hier und jetzt. Und vielleicht, je nach Glauben, auch über den Tod hinaus.

Es liegt nicht an uns, darüber zu bestimmen, wie man sich an uns erinnern wird. Und so ist das Vergehen, das ich vor meinem Fenster sehe, vor allem eine Ermahnung, dass alle Versuche der Kontrolle letztlich vergeblich sind. Das, was von uns in der Welt wirklich übrigbleibt, ist hingegen unsichtbar und unbestimmt, unterworfen dem ewigen Wandel. Denn auch, wer Goethe wirklich war, werde ich nicht ergründen, wenn ich die Stätte seines Wirkens und Wohnens aufsuche – ich werde immer nur einen Hauch, einen Schatten des Wahren erhaschen.

Es ist gut, sich hin und wieder daran zu erinnern.

 

Oktober 30, 2014Permalink 5 Kommentare

5 thoughts on “Was nicht von uns bleibt

  1. Mir ist das Thema zwar meist sehr präsent, aber den Beitrag finde ich gut. Diese Momente sind schon irgendwie unfassbar traurig. Warum genau, kann ich wirklich nicht sagen – ob es nur ist, dass die Spuren einfach so verschwinden? Für jemanden hat das Zeug einmal eine Bedeutung gehabt, war zumindest teilweise wichtig und wertvoll. Und für alle anderen ist es nur … Zeug. Ich weiß nicht, ich finde das, glaube ich, auch aus der Perspektive des Zeugs traurig. Erst recht, wenn es dann mal um Pflanzen oder gar Tiere geht.
    Auf jeden Fall ist auch die Erinnerung wichtig, dass all der Kram, den man um sich hortet, meist wirklich nur einem selbst lieb und teuer ist, und man, ob man nun jemanden hat oder nicht, nicht davon ausgehen kann, dass das mal irgendwer großartig findet.

  2. Letzteres sehe ich genauso … und es könnte einen wirklich dazu bringen, sehr bewusst mit dem Anschaffen von Dingen umzugehen.
    Und was du zu der Perspektive des Zeugs geschrieben hast … stimmt, der Aspekt ist da auch drin gewesen, als ich das beobachtet habe. Eigenartig, irgendwie 😉
    Letztens sah ich übrigens schon die neuen Mieter dort in der Wohnung herumturnen …

  3. Solche Haushaltsauflösungen haben auch immer etwas Endgültiges anhaften…
    Mal abgesehen von den Dingen des täglichen Gebrauchs hat doch wirklich jeder solches „Zeug“ (wie es Mistkaeferl so treffend bezeichnet), dessen individuellen Wert nur der eigentliche Besitzer darin erkennt. Oft verbunden mit besonderen, schönen Erinnerungen, in die man abtauchen kann, wenn man den Gegenstand ansieht oder berührt.
    Schade, dass bei diesen „Entsorgungen“ zusammen mit dem Gegenstand meist auch eine komplette Erinnerung unbedacht in den Container geschmissen wird.

  4. Ja, da kann bei einem schon ein etwas merkwürdiges Gefühl aufkommen, wenn die materiellen Konturen eines Lebens so rigoros entsorgt werden. Und die Frage nach der Bedeutung mancher Dinge erfährt vielleicht eine andere Antwort, wenn man zufällig Zeuge eines solchen Ereignisses wird.

    Ich weiß schon jetzt, um welches von meinem ganz persönlichen „Zeugs“ es mir leid tun würde, würde ich mitbekommen, dass es im hohen Bogen im Container landet. Aber bei vielen von den Dingen, die einen direkt umgeben, wird es genauso laufen. Und das ist schon ein bisschen traurig.

    Sich aber schon lange (obwohl – das weiß man ja nicht im Voraus) vor dem Ende der eigenen Existenz von möglichst viel „Zeugs“ zu trennen und die Nicht-Anhaftung der Buddhisten zu leben, ist zumindest für mich aber auch kein geeigneter Ansatz. Besser auswählen, was man sich anschafft, ja. Und sich von Dingen trennen, die einem eigentlich nichts bedeuten, auch ja. Aber das ganze andere „Zeugs“ – das, was mir wirklich wichtig ist, mir etwas bedeutet – das gehört dann doch irgendwie zu meinem Leben dazu. Und deshalb wird es bei mir bleiben, solange es Bedeutung für mich hat.

    Und damit hat dieses „Zeugs“ ja dann auch irgendwie seinen Zweck erfüllt, denn es „lebt“ ja für uns durch die Bedeutung, die wir ihm geben, und wir definieren uns zumindest ein bisschen durch die Auswahl der Dinge, denen wir Bedeutung verleihen. Wenn wir dann von der Bildfläche verschwinden, verschwindet auch diese Bedeutung, und das „Zeugs“ ist wirklich nur noch Zeugs, das dann halt im Container landet.

    Wie gesagt, traurig … aber auch irgendwie folgerichtig.

  5. Das erinnert mich jetzt ein bisschen an Schroedingers Katze 😉

    Und ich sehe es auch so … wobei das Feng Shui ja damit arbeitet, dass die Energien – und das ist ja letztlich die Bedeutung – erhalten bleiben, auch wenn man selbst weg ist, und dass das eben nicht gut ist. Genau deshalb werden Wohnungen dann »gereinigt«. Mit den Energien der Vorgänger möchte man nichts zu tun haben (schon gar nicht mit denen, die man als negativ ansieht oder wenn da jemand gestorben ist).

    Hmm. Ich bin da gespalten. Seit ich keinerlei Probleme mehr damit habe, im Café mit dem Rücken zum Geschehen zu sitzen, frage ich mich, wieviel von diesen Dingen hausgemacht ist und mehr mit dem eigenen Kopf zusammenhängt als mit Realtitäten. Auf der anderen Seite kann ich die Energie von Goethes Kutsche und überhaupt in seinem Wohnhaus spüren – ein spannendes Thema, das ich sicher noch weiter ausloten werde.

    Und zumindest einigem von meinem Besitz würde ich ein Leben nach mir wünschen … (ich denke da besonders an einen treuen Gefährten auf dem Sofa, der mich durch die Höhen und Tiefen meines Lebens begleitet hat). Mir fällt da gerade Die unglaubliche Geschichte des Henry N. Brown ein, ein wunderbarer Roman von Anne Helene Bubenzer aus dem Thiele Verlag, der ja auch ein bisschen mit diesem Motiv spielt, wenn auch quasi andersherum …

    Ausgewogenheit ist sicherlich das Zauberwort. Wir sind Menschen und »gestalten« unsere Welt, und dazu gehören auch Dinge, mit denen man umgeht. Absolute Nicht-Anhaftung ist vielleicht sogar wieder eine Anhaftung an der Nicht-Anhaftung und auch nicht natürlich.

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