Vom Sinn, sich erschüttern zu lassen

Wie ist es eigentlich möglich, frage ich mich aus aktuellem Anlass seit ein paar Wochen häufiger, dass Menschen wegsehen? Wie schaffen sie es, etwas auszublenden, das sie nicht sehen wollen? Ich meine: wie gelingt es ihnen »bewusstseinstechnisch«, so etwas zu bewerkstelligen?

Wir alle sind fähig zu Mitgefühl und Einfühlungsvermögen. Jeder von uns. Selbst Hitler liebte seinen Schäferhund. Es ist also nicht so, als würden grausame Menschen diese Fähigkeit gar nicht besitzen; sie entscheiden sich nur einfach, sie lediglich bestimmten Kontexten und Lebewesen zukommen zu lassen und ansonsten ihr anderes, kaltes Gesicht zu zeigen.

Sie entscheiden sich, habe ich gesagt. Von den Neurowissenschaften sind immer wieder Stimmen zu hören, die uns erklären, wir hätten eigentlich gar keinen freien Willen. Was wir tun, erscheint nur nachgelagert als unser Tun, während die Entscheidung viel früher gefallen ist, unbewusst. Ich glaube das nicht. Vielleicht weil ich es nicht will. Vielleicht, weil ich zwei Bücher von Peter Bieri gelesen habe, die mich vom Gegenteil überzeugt haben, das eine zum Thema Freiheit und das andere zum Thema „Würde des Menschen“. Vielleicht auch, weil ich aus eigener Erfahrung weiß, dass es zwar anstrengend sein mag, wahre Freiheit zu erringen, und dass man dafür einen stets wachsamen Geist benötigt, dass es aber möglich ist und auch nötig.

Es ist das, was Menschsein auszeichnet: die Fähigkeit, bewusst das Herz zu öffnen, Mitgefühl zu zeigen, sich berühren zu lassen. Aber Berührenlassen – echtes Berührenlassen – ist für viele Menschen längst kein Thema mehr. Vermehrt versuchen sie lieber – die einen aufgrund von zu vielen erlittenen Verletzungen, die anderen aufgrund von zu wenigen Erfahrungen, dass der Andere auch seine Grenzen und seine Würde hat – darüber zu bestimmen, wann sie sich berühren lassen wollen und wann nicht.

Was im Grunde ja auch in Ordnung ist. Niemand hat in jedem Augenblick die Kraft, sich die tragischen Geschichten anderer Menschen anzuhören, auch wenn es enge Freunde sind, und etwas »Produktives« beizusteuern. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass wir immer mehr glauben, wir hätten ein Anrecht auf nur positive Berührungen, und es wäre sinnvoll zu versuchen, negative Berührungen zu vermeiden. Soll sich doch wer anderes darum kümmern! Klar interessiert mich, inwiefern Tiere gequält werden, nur damit Menschen fünfmal pro Woche Fleisch auf dem Teller haben, noch dazu möglichst billig. Aber ich möchte mich gefälligst nur dann und nur in dem Maße damit beschäftigen, wie es mich nicht zu sehr fertig macht. Ich möchte immer noch einen Rest an gutem Gefühl dabei haben.

Ein Wunsch, der wie gesagt, verständlich ist. Und bei Themen, die nicht drängen, weil von uns keine unmittelbare Handlung erwartet wird, wie bei der Kinderarbeit in fernen Ländern oder den Vergewaltigungen in Indien oder ähnlichen Vorkommnissen, ist es ja auch durchaus möglich, sich einen passenden Moment auszusuchen, in dem man sich damit beschäftigt.

Aber die Möglichkeit der Wahl kann eine unheilvolle Allianz mit dem uns ständig als berechtigt eingeredeten Wunsch nach »Wohlfühlgefühl« eingehen, wenn wir diese Umgangsweise auch in unserem direkten Umfeld anwenden. Warum sich jetzt mit den Problemen der Freundin beschäftigen? Warum sich jetzt um die beruflichen Herausforderungen des Freundes kümmern? Hat das nicht Zeit bis später, bis ich »besser drauf bin«?

Nein, hat es nicht. Zumindest nicht immer. Sicher, man redet sich gern ein, dass man mehr beisteuern könnte, wenn man besser drauf wäre. Aber stimmt das denn? Oder ist es nicht ein Weglaufen? Ist es nicht der Versuch, sich die Legitimation zu verschaffen, sich nur dann berühren zu lassen, wenn wir derart vorbereitet sind, dass wir gleich mit vorgefertigten Reaktionen auf das antworten können, was uns da von der Welt entgegenkommt? Heißt »besser drauf sein« dann nicht auch, dass man nicht aus den vorgefertigten Reaktionen herausgeworfen werden will? Dass man nicht erschüttert werden will?

Uns nicht erschüttern lassen zu wollen ist in unserer heutigen Zeit ein erklärtes Ziel. Gern erschüttern wir selbst, rütteln auf, machen uns die Welt zu eigen. Aber uns erschüttern lassen – nein Danke.

Und doch ist dies eine Erfahrung, die wir immer wieder einmal machen sollten. Denn nur dann, wenn wir selbst noch hin und wieder hautnah und direkt erleben – und zwar aufgrund von echtem Mitgefühl, das nicht ganz so weltfremd ist wie bei manchen Spirituellen und nicht ganz so mitleidsvoll wie bei manchen Menschen mit Helfersyndrom -, wie sich die Dinge in der Welt auswirken, verlieren wir nicht aus dem Blick, was mitmenschlich, menschenwürdig und tragisch ist. Dann werden wir daran erinnert werden, wie schnell sich das Blatt wenden kann, und wir werden auf gesunde Weise demütig gegenüber dem Leben werden und dem Glück, das wir den größten Teil unseres Lebens erfahren, oder wir werden getragen von einer Kraft der gesunden, angemessenen Empörung und mischen uns in die Welt ein.

Wenn unser Herz nicht mehr berührbar ist und wir das Berührtwerden mit dem Verstand steuern und ihm Zeiten zuteilen wollen, die uns – unserem Ego – genehm sind, werden wir früher oder später immer unmenschlicher. Wir entfernen uns mehr und mehr von dem, wie es sein sollte. Wir verlieren aus dem Blick, wie sehr wir selbst darauf angewiesen sind, dass sich jemand unserer erbarmt, nett zu uns ist und uns in unserem Kummer oder unserer Not unterstützt – einfach jetzt, einfach so, mit dem Risiko, stärker berührt, ja vielleicht sogar dadurch gewandelt zu werden, als er oder sie vorher gedacht hat.

Genau das ist es, was Menschen ausmacht. Ausmachen kann. Und um das nicht zu vergessen, ist es wichtig, hin und wieder über den eigenen Schatten, das eigene Wohlergehen zu springen und genau dann auf jemandes Bitte einzugehen, wenn es einem eigentlich nicht so recht in den Kram passt.

Sich dann berühren zu lassen, kann trotz des Mit-Erschüttert-Werdens eine ungeahnte Kraft freisetzen. Eine menschenwürdige Kraft, die aus der intuitiven Erkenntnis des Wesentlichen stammt und auch auf einen selbst zurückwirkt. Denn sie sagt einem, dass es möglich ist, auch schlimme Dinge zu überstehen, wenn wir damit nicht allein bleiben müssen. Oder sie weist uns auf andere Weise auf das hin, was wirklich wichtig ist, erinnert uns an das Wesentliche.

Oft wird eine Grenze zwischen Mitgefühl und Mitleid gezogen. Mitleid ist in Verruf geraten. Man könnte meinen, es wäre ein Mittel geworden, dass jene mit Helfersyndrom benutzen. Mitgefühl dagegen hat Hochkonjunktur, jene Vorstellung des Bedauerns des anderen, das sich selbst in der sicheren eigenen Höhle weiß. Da werden durchaus auch einmal Tränen vergossen, aber wir wissen längst, dass nicht alle Tränen echt sind, dass manche nicht aus einer echten Berührung des Herzens herrühren, sondern aus einer »Schein-Erschütterung«.

Der Unterschied lässt sich indes nicht zwischen Mitgefühl und Mitleid ziehen, sondern er verläuft auf einer anderen Ebene, drückt sich in der Intention des Menschen aus, der gerade durch Mitgefühl oder Mitleid mit jemandem verbunden ist. Und die Intention kann in beiden Fällen gut oder schlecht sein.

Mitleid als die Fähigkeit, sich selbst erschüttern zu lassen und dem anderen dieses auch zu zeigen, ist sogar in höchstem Maße nötig. Denn es ist diese Mit-Erschütterung, dieses Mit-Leiden mit dem anderen, was uns auf einer sehr tiefen, spürbaren Ebene zeigt, dass wir nicht allein sind. Nicht in unserem Entsetzen und Kummer und nicht in unserer Freude und nicht in unserer Kraft, etwas zu bewältigen. Und vor allem nicht in unserer Erkenntnis über die »conditio humana«.

Und das ist eine Erfahrung, die nicht nur ein Kind braucht, sondern die wir alle immer mal wieder benötigen.

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