Wohin uns die Reise der Gier führt

Vor kurzem fand ich von einer nicht unbekannten deutschen Fluggesellschaft einen Hinweis auf das neue Angebot von »Business Class Reisen«, zum Beispiel einmal Abu Dhabi und zurück für 2.599 Euro, incl. sechs Übernachtungen mit Frühstück und Privattransfers. Scrollte man hoch, fand man die Angebote für das Normalvolk, das auf den immer enger werdenden Plätzen der Economy Class sitzt und darauf trainiert wird, Schnäppchen zu jagen und aus dem Hirn zu verdrängen, dass irgendwer ja diese Kosten tragen muss, die man ihm erspart. Am Ende womöglich die (in welchem Land auch immer) arbeitende Bevölkerung? Oh je, darüber wollen wir lieber nicht nachdenken. Wir haben’s ja selbst so schwer.

Nun sagt man ja – wer sich spirituell für weise hält allzumal -, dass man den anderen lassen soll, wie er ist. Jüngst fand ich eine Aussage, die in etwa so lautete: »Stelle den Abstand zu deinen Mitmenschen so ein, dass er dir erlaubt, sie sein lassen zu können.« Klingt gut, nicht? Die Kehrseite dieser Münze ist aber Gleichgültigkeit. Ist Wegsehen. Ist Ignoranz. Ist der Schlüssel dazu, selbst tun und lassen zu können, was man will, ohne Rücksicht auf Verluste. Der andere muss sich ja nur weit genug von mir wegstellen, nicht wahr, dann wird alles gut. Und ich muss mich nur so weit von ihnen wegstellen, dass ich die Diskrepanz zwischen uns nicht mehr als störend empfinde, er mich mit seinen Forderungen nach zum Beispiel einer besseren und gerechteren Welt nicht mehr nervt.

Ich gebe zu, ich bin noch ein bisschen von Karl Marx inspiriert. Als ich studierte, war er zwar auch bereits irgendwie überholt, aber noch im Gespräch, und dieses Gespräch hat mich dazu gebracht zu entdecken, dass es nicht immer nur um mich geht. Aber Marx interessiert heute niemanden mehr die Bohne – Neoliberalismus ist geil, jeder für sich und alle für mich oder so.

Meine Hoffnung – nun ja, was von ihr noch übrig ist -, dass die Menschen irgendwann auf den Pfad der Gemeinsamkeit finden würden (»zurückfinden« kann man ja nicht sagen, wir hatten diese Zeit noch nie), löst sich allerdings mehr und mehr auf. Denn in dem Maße, wie dem Menschen eingeredet wird, dass er was Besseres ist, was Besseres verdient hat, und man dieses Bessersein für Geld kaufen kann und sollte, wird mehr und mehr die Schere vergrößert. Vor allem aber werden diese Menschen, deren Gier künstlich vermehrt wird, immer mehr real scheinende Gründe haben, warum sie ihren Mitarbeitern oder ihren Verwandten oder ihren Freunden oder gar ihren Kindern nur das Notwendigste geben können, und warum sie – natürlich – an anderer Stelle zu Schnäppchenjägern, Gleichgültigen und Ignoranten werden. Nein, tut mir leid, ich kann heute nicht spenden, ich muss morgen schon für 2.599 Euro in der Business Class für eine Woche nach Abu Dhabi fliegen – sorry. Das verstehen Sie doch sicher, oder? Aber vielleicht üben Sie sich ein bisschen im Loslassen, hm?

Februar 17, 2015Permalink 2 Kommentare

2 thoughts on “Wohin uns die Reise der Gier führt

  1. Ja, da fallen mir spontan 2 Werbeslogans ein:

    „Man gönnt sich ja sonst nichts!“
    „Geiz ist geil!“

    Zugegeben, die Slogans sind nicht mehr so ganz präsent in der täglichen Werbeflut, haben sich aber so richtig in mein Hirn eingebrannt (da ist das Marketingkonzept voll aufgangen…).

    Eigentlich sind die beiden Aussagen völlig konträr – und dennoch bilden sie, wenn ich über deinen Denkanstoß so nachdenke, eine merkwürdige Allianz: Man möchte ja schon den Hauch von Luxus haben, es soll aber, bitte schön, so billig wie möglich sein. Gerade bei den „All-inclusive-Urlaubsschnäppchen“ erwartet der Urlauber jedweden Komfort nur die ausgesuchtesten kulinarischen Leckerbissen.
    Dass das nicht funktionieren kann, ist, im Grunde genommen, eigentlich jedem klar. Diese „Zeche“ zahlt zweifellos das unterbezahlte Personal, welches für unser Wohlbefinden und leibliche Wohl zuständig ist.

  2. Und wieder hat mich das System überlistet … deshalb finde ich deinen Kommentar erst jetzt …

    Eigentlich müsste es ja genauer heißen: „Es ist geil, nur an mich zu denken“. Der andere Spruch passt dadurch natürlich immer noch nicht … es sei denn, aus der Perspektive des chronisch Zu-Kurz-Kommenden: Ha, ich denke immer noch viel zu wenig an mich! Mehr, mehr, mehr!“ Muss ich immer an den kleinen Häwelmann denken (liegt wohl am Alter).

    Wie man den „Kollateralschaden Mitmensch“ ausschalten kann, wird mir immer irgendwie ein Rätsel bleiben. Ich fange aber allmählich an zu glauben, dass das auch gut so ist. Vielleicht heißt ja es zu verstehen soviel wie, den ersten Schritt zu machen in Richtung selbst so sein … wer weiß?

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