Weiblich, erotisch, sexualisiert: eine Frage der Absicht

Neulich während eines Beisammenseins mit Freunden und Bekannten entspann sich eine Diskussion über die zunehmende Sexualisierung unserer Gesellschaft – passend zum Beginn des Frühlings, da ringsum die ersten Halbnackten die Fußgängerzonen bevölkern und allerorten noch mehr als zur kahlen Winterszeit mit Körperlichkeit, Erotik und Sex für alles Mögliche geworben wird.

Und wie immer bei solchen Gesprächen taten sich rasch zwei Lager auf: die einen, die die Freiheit des Individuums retten wollten und Toleranz predigten – lass doch jeden machen, was sie oder er will -, und die anderen, die Unbehagen bei dieser zunehmenden Sexualisierung spüren und sich in der einen oder anderen Weise belästigt fühlen. Übrigens nicht nur Frauen, sondern auch jede Menge Männer. Denn auch Männer sind zuallererst einmal Menschen, und viele haben keine Lust, ständig in einen sexualisierten Kontext hineingezogen zu werden, wo er nicht angebracht ist. Schon gar nicht gegen ihren Willen.

Dann also diese Diskussion. Irgendwann, es war ja zu erwarten gewesen, kam die Frage: »Was ist schlimm daran, wenn Frauen Lust haben, sich weiblich anzuziehen?«

Meine Antwort darauf lautet: nichts. Aber. Diese scheinbar so einfach Frage birgt zwei Haken, die auf den ersten Blick nicht sichtbar sein mögen.

Zum einen: was ist »weibliches Anziehen« überhaupt? Welche »Weiblichkeit« wird da im Anziehen, in der Kleidung, ausgedrückt?

Zum anderen: mit welcher Absicht wird sich »weiblich« angezogen, was immer man darunter versteht? Wie steht diese Absicht in Beziehung zu dem Kontext, in dem man sich befindet?

Es scheint mir, dass »weiblich« angezogen sein immer mehr in Richtung sexualisierte Kleidung gewandert ist. Als wäre Weiblichkeit vor allem die sexuelle Ausstrahlung durch Verweis auf die sekundären – und oft genug auch die primären – Geschlechtsorgane. Kann es das wirklich sein? Ist Weiblichkeit nicht mehr als nur das? Und warum wird dieses mehr nicht stärker in den Vordergrund gerückt? Könnte es daran liegen, dass es viel eher eine Frage der inneren Einstellung und Ausstrahlung ist und nicht der formbetonten Kleidung? Könnte es sein, dass der Begriff »weiblich« eine Verflachung in Richtung sexuell oder – das ist der andere extreme Pol – Mütterlichkeit erfahren hat? Was ist mit all den anderen Tugenden, die mit Weiblichkeit verbunden sind? Was ist mit weiblicher Entschlossenheit aufgrund der Einsicht in das Wesen der Welt? Was ist mit weiblicher Stärke aufgrund des Wissens um die Verletzlichkeit des Lebens? Was ist mit der Verwurzelung des Weiblichen im Kosmischen, mit der Verbindung zu allem Lebendigen, mit dem Wissen um Trennung, Verlust und Tod? Was ist mit der weiblichen Fähigkeit, den Wandel zu er-leben und zu akzeptieren? Und was ist mit der Notwendigkeit,  auch das Männliche in sich zu entwickeln, denn erst beides zusammen macht uns zu der Ganzheit, die wir eigentlich sind?

Ach ja, all das müssen wir erst entwickeln. Und genau das ist das Problem. Wenn die eigentliche Weiblichkeit, die eigene Ganzheit nicht entwickelt ist, man aber in dieser Welt zurechtkommen will, nimmt man die Mittel, die gerade zur Hand sind. Und zur Hand sind die körperlichen Beschaffenheiten, zur Hand sind die Reaktionen, die man erzielt, von Neid bei manchen Frauen über Begierde bei manchen Männern bis zu Stolz und Abwehr. Es ist alles da, man darf sich machtvoll fühlen. Endlich mal. Auch das könnte man als eine Art Eskapismus betrachten – während die einen in ferne Welten flüchten oder in vergangene magische Epochen, flüchten andere in eine Existenz, die ihnen zumindest ein Minimium an Aufmerksamkeit und Macht beschert. Die Natur – oder die Schönheitschirurgie – macht’s möglich. Und warum auch nicht?, lautet die immergleiche Frage bei Kritik. Muss ja nicht jeder machen.

Ja, warum nicht?

Ganz einfach: weil wir mehr sind. Weil die Absicht des sexualisierten Auftretens von diesem mehr ablenkt, und zwar nicht nur in Situationen, in denen Sexuelles nichts zu suchen hat. Weil Sexualität keine Waffe sein sollte im Kampf ums Überleben, weder für die einen noch für die anderen. Weil Kleidung, wenn sie schon mehr ist als nur Schutz, Ausdruck der Ganzheit des Menschen sein sollte, nicht nur ein Mittel zum Zweck. Und schon gar nicht in Situationen, die diesen Zweck gar nicht beinhalten.

Vor allem aber deshalb: weil wir mehr sind als nur Körper. Oder anders ausgedrückt: weil unser Körper manifestierter Geist ist. Und weil das so ist, ist auch die Art und Weise, wie ich mich mit meiner Kleidung präsentiere, Ausdruck meines geistigen Seins, Ausdruck meiner Seele, Ausdruck dessen, wie ich mich geistig verstehe.

Wir alle wissen das. Wenn wir einen Menschen sehen, wie er sich kleidet, vor allem, wenn er sich stilisiert kleidet – denn das tut niemand aus Zufall, sondern mit einer bestimmten Absicht -, erahnen wir instinktiv den Menschen dahinter, seinen Geist. Und das ist der Moment, in dem wir uns fragen müssen: wollen wir das? Will ich vordergründig in meiner Facette der Sexualität wahrgenommen werden? Will ich, dass mein eigentliches Sein, meine Seele, darunter gar nicht mehr zum Vorschein kommen kann, weil grelle sexuelle Reize sie unsichtbar machen oder – was fast noch schlimmer ist – ihr die Färbung geben, die sie gar nicht wirklich will?

Viele Frauen verlangen, dass sie sexualisiert herumlaufen können und trotzdem als Menschen wahrgenommen werden. Sie verlangen, dass die Menschen, die sie sehen, das Kunststück vollbringen, ihrem Gehirn zu sagen: ich sehe nicht, was ich sehe. Sie verlangen, dass die Menschen, die sie sehen, ihre Wahrnehmung verzerren. Niemand käme auf die Idee, hinter einem Muskelprotz einen Bücherwurm zu vermuten, oder einen Philosophen. Ja, er mag darin stecken, aber es ist an ihm, das zum Ausdruck zu bringen, nicht an uns als Außenstehende, es grundlos zu vermuten.

Genau das aber verlangen die Frauen. Sie wollen alles. Und vielleicht ist das eine Lektion, die sie nach der ersten Euphorie der Befreiung von den Fesseln, unter denen unsere Mütter ganz selbstverständlich gelitten haben (als Folge jahrhundertelanger Gegebenheiten), lernen müssen. Man kann wirklich nicht alles haben. Im Sport weiß man, dass man nur exzellenter Sprinter oder herausragender Langstreckenläufer sein kann, denn die Muskeln, die überdurchschnittlich ausgeprägt sein müssen, um Höchstleistungen zu vollbringen, können dies nur tun auf Kosten der anderen.

Genau so ist es auch im normalen Leben. Weiblich anziehen – ja. Aber übersexualisierte Kleidung hat mit echter Weiblichkeit nichts zu tun. Im Gegenteil; sie macht den Ausdruck echter Weiblichkeit unmöglich. Sie ist lediglich Ausdruck eines einzigen kleinen Aspekts des Weiblichen, und sie steht im Dienst einer Absicht, die für alle sichtbar ist. Und diese Absicht hat viel mit Macht zu tun, viel mit Ego.

Das ist das, was man wissen muss. Für sich selbst. Die Absicht. Das, was ich bin. Das, als das ich gesehen werden möchte.

Man kann nicht alles haben. Frau auch nicht.

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