Es war einmal ein Lebewesen

Es ist wieder soweit – die Grillsaison ist eröffnet, die Jagd auf das Schnitzel im heimischen neonlichtgefluteten und dauerbeschallten Supermarkt hat begonnen, dem Glück, ihm auf dem ultramodernen superduperpowergesunden fettsparenden Grill endgültig den Garaus zu machen, steht nichts mehr im Weg.

Könnte man meinen, wenn man den alltäglich hereinflatternden und herumliegenden Werbeblättern Glauben schenkt. Fleisch macht glücklich, wahrscheinlich sogar reich und unsterblich, und vielleicht sollte man Menschen, die sich so viel Gutes tun, dass sie jeden Mahlzeitteller nach einem ernährungstechnisch ausgefeilten Mix zu einem Viertel mit Fleisch, Käse, Fisch oder Eier belegen, dafür belohnen. Oder bestrafen, wenn sie es nicht tun. Man könnte zum Beispiel einen Bonus bei der Krankenkasse bedenken, weil man so gut für sich sorgt. Oder man könnte Abstriche bei den Zahlungen zum Lebensunterhalt in Erwägung ziehen, wenn man es nicht tut und dafür der Allgemeinheit zu Lasten fällt. (Und ja, es gibt auch radikalere Lösungen. Ein Bild fällt mir ein. Die Häcksler, in denen die kleinen Küken ins Nimmerwiedersehen-Land verschwinden … die weiblichen dort, wo Fleisch gewollt wird, die männlichen da, wo es um Eier geht. Diese Häcksler werden täglich gut geschmiert und stehen bereit. Verbunden mit unseren dank Clouds & Co., Gesundheitswatch und App-Manie fein säuberlich aufgezeichnetem Konsum- und sonstigem Verhalten wird es auch leicht sein, die Guten ins Töpfchen und die Bösen ins Kröpfchen zu befördern …)

Damit kein Missverständnis aufkommt: ich bin nicht absolut gegen Fleisch. Ich bin weder radikale Veganerin noch echte Vegetarierin. Ich genieße ab und zu ein Stück Fleisch, ich mag den Schinken auf der Pizza Parma und ich freue mich über den ein oder anderen Fisch. Und ich kann rechnen und denken und dies nicht nur in einer Richtung. Wer glaubt, durch den radikalen Verzicht auf Fleischessen Lebewesen zu schonen und glückliche Kühe und so weiter zu erschaffen, die wir einfach so jahrelang mit Futter durchfüttern (dessen Einsparungsmöglichkeiten – bzw. dessen Nutzung zur Bekämpfung des Welthungers – ist ja eines der anderen Argumente gegen den massiven Fleischkonsum), irrt sich, und zwar gewaltig. Niemand füttert eine Kuh jahrelang durch, nur weil sie ein hübsch anzusehendes Haustier abgibt, das an Altersschwäche sterben darf und dessen – dann auch sehr zähes Fleisch – niemals verwertet wird, die man nicht melken darf und die wirklich nur als Deko rumsteht, die einem ein Loch in den Geldbeutel frisst. Und die ja das Problem des Wegfressens von Futter für den Menschen und der Produktion von Abgasen nicht löst, wenn es sie noch gibt, ob sie nun gegessen werden oder nicht.

Nein, es muss einem klar sein: auch die Verwandlung der fleischbesessenen Welt in eine vegane tötet Tiere. Denn die Alternative zu dem, was wir bisher haben, sieht ganz anders aus (einfach mal vorausgesetzt, so eine globusweite Entscheidung, die auch die Bewohner des letzten einsamen Tals erreicht, wäre möglich). Alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist oder sich unter Wasser flüchten kann, wird schlicht keinen natürlichen Lebensraum bekommen, denn die Erde ist das Territorium des Menschen, sein erklärtes Herrschaftsgebiet. Wir retten keine Vierbeiner, indem wir auf Fleisch & Co. verzichten, so schön es auch wäre, hier und da frei lebende glückliche, sich selbst versorgende Tiere sehen zu können.

Aber. Wenn wir unsere gesamte Fleischproduktion umstellen, produzieren wir nicht laufend weitere Lebewesen, die wir dann quälen und qualvoll zu Tode befördern. Wenn wir nur Tiere essen, die glücklich leben durften, die nicht mit Antibiotika vollgestopft werden, weil sie sich zucht- und haltungsbedingt zahlreiche Krankheiten holen, die sie nie hätten, wenn sie natürlich leben dürften, regulieren wir auf andere Weise. Und wenn wir bereit wären, unser eigenes Risiko im Leben zu tragen und nicht auf andere Lebewesen – übrigens auch auf andere Menschen – abzuwälzen, dann wäre die Welt eine bessere. Dann wären wir menschlicher. Oder, noch radikaler: dann würden wir überhaupt erst anfangen, Mensch zu sein, menschlich zu sein.

Denn das, was uns davon abhält, was uns im wahrsten Sinne des Wortes barbarisch macht, ist unsere Angst vor dem Tod. Unsere Weigerung zu sterben. Wir wollen ewig leben, wir wollen dieses Leben nicht aufgeben, in unserem Körper (es sei denn, er gefällt uns nicht oder ist krank), wir wollen die Gegebenheiten zwingen, sich so zu verhalten, dass wir uns einbilden können, wir würden, durch ein kleines Wunder vielleicht, den Tod doch noch bezwingen. Zumindest wollen wir nicht an irgendwelchen Lappalien sterben wie einem Bissen Rohmilchkäse oder dem Biss einer klitzekleinen Mücke, die sich gut für tragische Geschichten eignen, aber nicht für das eigene Sicherheitsbedürfnis, und zugleich wollen wir leben, ganz und gar leben, wir wollen den Tod besiegen, immer wieder und wieder, indem wir abenteuerlustig werden, indem wir auf hohe, unwirtliche Berge klettern, die gefährlichen Höhen und Tiefen der Welt ausloten. Wir wollen das Gefühl bekommen, eine Herausforderung überstanden zu haben, wir wollen uns regelmäßig auf die Schulter klopfen und – meist unterschwellig – sagen können: ja, ich habe die Herausforderung gemeistert, mir kann keiner was. Wenn ich mir noch ein bisschen Mühe gebe, kann ich auch den Tod austricksen.

Der Mensch, das ist meine Meinung, muss lernen, das Gleichgewicht des LEBENS wieder einzurichten. Eigentlich haben die Menschen das immer gewusst. Die Menschenopfer, die den Gottheiten dargebracht wurden, die diverse Naturkräfte repräsentierten, waren nichts anderes als der Versuch, das Gleichgewicht herzustellen. Man kann nicht immer nur nehmen, und man kann nicht immer nur leben. Leben, und unendlich leben, existieren, tut eine Idee, tut eine Rasse, ein Spezies, aber kein Individuum.

Wenn wir das begreifen würden, würden wir vielleicht aufhören, andere Lebewesen zu quälen, um ausgerastet wie eine Amok laufende Maschine, ein Berserker, die Welt, nein, nicht nach dem Ebenbild Gottes, sondern nach dem des vom Glauben abgefallen Engels, des Teufels, zu gestalten, wir würden von der absurden Idee Abstand nehmen, wir könnten das Schicksal austricksen, das uns unser Angekettetsein an diese Erde mit ihren physikalischen Gesetzen aufzwingt. Einer Erde, die einsam und allein in einer der wirklich unzähligen Galaxien des riesigen, den menschlichen Verstand sprengenden Universums liegt und auf der wir nicht einmal den Hauch eines Hauchs eines Fliegenschisses darstellen. (Und wem dafür die Vorstellungskraft fehlt, folge einfach diesem wirklich beachtlichen Link. Den ebenso beeindruckenden Vorgänger gibt es hier. Und ja, wir Menschen sind schon erstaunlich, denn dass wir das alles herausgefunden haben, ist ja auch eine Seite unserer Fähigkeiten – und eine Folge des Drangs, die Begrenzung durch den Tod zu überwinden.)

Nur: das können wir nicht. Ganz egal, wie viele Tiere wir noch quälen, um uns auf die ein oder andere Weise mittels Kontrolle von Lebens-Mitteln (im direkten und indirekten Sinne) einreden zu können, wir würden Herrschaft über unseren Tod gewinnen – so läuft das nicht. Der Tod ist da, er lauert überall, und wenn wir die äußeren Bedrohungen mehr und mehr glauben ausrotten zu können, kommen sie von innen, als Folge der äußeren Manipulation. Wir explodieren von innen, verrotten und verkalken, durch Krankheiten an Geist, Körper und Seele, und übrigens tun das auch jene, die in Wirklichkeit nur deshalb Veganer oder Vegetarier geworden sind, weil sie glauben, so dem Tod entrinnen zu können. Niemand kann das, und wenn das mal irgendwann in unsere dickköpfigen Schädel eindringt, werden wir – vielleicht – anfangen können, eine bessere Welt zu gestalten.

Aber dieser Tag ist fern. Sehr fern sogar. Das heißt allerdings nicht, dass wir nichts tun könnten. Ich hätte da zum Beispiel eine Idee. Ähnlich, wie man es von Zigarettenschachteln gewohnt ist, könnte man auf jede Packung Fleisch und Fisch einen Hinweis anbringen, dass dieses Produkt Tiertod-Erregend ist. Nicht das Bild eines lustigen Kükens draufpappen, eine fröhlich-friedlich grasende Kuh, sondern ein in einer Häckslermaschine verschwindendes kleines Etwas zeigen, zusammengepferchte Hühner, von Todesangst erfüllte Rinder und Schweine, wenn sie anhand des Todes ihrer Artgenossen merken, was ihnen droht, man könnte Antibiotikum-Spritzen in der Hand fütternder Kinder zeigen.

Man könnte – man sollte – den Menschen zeigen, was sie anrichten durch das, was sie essen. Das ist das Mindeste, finde ich.

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