Lustige Ent-Täuschung

Es gibt eine Szene in „König der Fischer“, in der Lydia die Kappe, die sie eine ganze Weile ständig auf dem Kopf getragen hat, abnimmt. Wie so viele andere Zuschauer auch habe ich erwartet, dass eine Woge von langen Haaren herunterströmen würden, aber stattdessen sehen wir Lydia mit einem frechen Kurzhaarschnitt. Ich liebe diese Szene, seit ich sie das erste Mal gesehen habe.

Als ich vor ein paar Tagen mit meiner Freundin im ›Park mit allen Sinnen‹ war, musste ich daran denken. Nachdem wir den weitläufigen Parcour aus Barfußgang, Klangräumen, Dunkelkammer und diversen Geruchs-, Tast- und Hörstationen hinter uns gebracht hatten, setzten wir uns in den angrenzenden Biergarten und tranken etwas. Um uns herum saßen etliche Motorradfahrer, was nicht ungewöhnlich für den Schwarzwald ist, da die Strecken sehr beliebt sind. Es wunderte auch niemanden, als eine weitere Gruppe von etwa zehn-zwölf Personen auf ihren Motorrädern ankam.

Als sich die Motorradfahrer allerdings aus ihrer Montur schälten und darunter nichts als Frauen zum Vorschein kamen – dünne, korpulente, große, kleine, jüngere, ältere – da konnte man ringsum überraschte Blicke finden. Frauen allein auf Motorradtour? So viele? Dabei machten die Schweizerinnen – das konnte man eindeutig hören – ganz sicher nicht den Eindruck, als hätten sie ein Problem damit. Ich bin sogar sicher, dass sie sich insgeheim darüber amüsiert haben, wieder einmal die typischen Erwartungen hinsichtlich Männer- und Frauen-Domänen torpediert zu haben.

Mir jedenfalls haben sie ein Schmunzeln entlockt. Und den flüchtigen Gedanken beschert, dass es irgendwie schade ist, dass mir Motorradfahren nicht behagt. Und sei es auch nur, um auf solche Weise für Verblüffung sorgen zu können.

2 thoughts on “Lustige Ent-Täuschung

  1. Ja, in solchen „Momentaufnahmen“ lässt sich mal wieder erkennen, wie festgefahren und verkrustet unsere Strukturen sind…
    Statt sich über bunte Vielfalt zu freuen und anzuerkennen, wird von der Norm abweichendes Verhalten erst mal misstrauisch beäugt.
    Eigentlich ein Armutszeugnis.

    Ein wohltuender Gedanke, dass es immer noch Menschen gibt, die auf solche Strukturen pfeifen und ihre Freiheit genießen!

    • Bunt ist halt nicht schwarz und weiß und damit … anstrengender.
      Und ja, ich denke auch, von solchen Erfahrungen sollte man sich – zumindest hin und wieder – inspirieren lassen 😉

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