Der Spiegel des Rio Doce

Aus dem Gefühl der Betroffenheit heraus einen Blog-Artikel zu verfassen, ist immer etwas heikel. Zumindest, wenn man den Anspruch an sich hat, sich nicht von einer Woge des Zorns wegtragen zu lassen.

Es gibt aber Momente, da ist das vielleicht ganz gut. Und es gibt Themen, Aspekte, Situationen, die verlassen einen ohnehin nicht, weil sie ständig da sind. Vielleicht sehen wir sie nicht immer, aber eigentlich, wenn wir ehrlich sind, wissen wir um sie. Trotzdem gehen wir fröhlich essen, amüsieren wir uns im Kino oder lassen uns das Fürchten in Vergnügungsparks lehren – und tun so, als gäbe es die reale Welt nicht.

Das hat der Mensch schon immer so gemacht. Er muss es auch ein bisschen so tun. Denn die ureigentliche Wahrheit – dass wir sterblich sind, dass wir verletzbar sind – immer präsent zu haben, ist zwar das Ziel vieler fernöstlicher Meditationsbewegungen und äußerst sinnvoll, aber für die meisten Menschen nicht auszuhalten. Also bleiben sie in ihren Konstruktionen, schützen sie sich mit ihrer eigenen „security blanket“, einem Geflecht aus Kausalitäten, Schlussfolgerungen und Deutungen von Ereignisketten, die zu ihren Lebenswünschen und Ängsten passen, und sieben sich die Welt zurecht: das Gute ins Töpfchen, das Schlechte ins Kröpfchen.

Nur so sind die größten Dauerkatastrophen der Welt zu erklären – Skandale der Fleischproduktion, der Billigproduktion, ein entarteter Energieverbrauch und vieles mehr.

Auch Naturkatastrophen sind längst nicht mehr nur eine Laune der höheren Kräfte, in die wir eingebunden sind. Denn längst haben wir eingegriffen in diese Kräfte, haben wir angefangen, sie zu verändern, das Gleichgewicht auszuhebeln. Das, was sich Naturkatastrophen schimpft, sind in Wirklichkeit oft genug die Reaktionen dessen, was wir ins Kröpfchen packen: das, was wir nicht sehen wollen, nicht wahrhaben wollen. Weil wir gierig geworden sind, unmäßig, unersättlich.

Die Katastrophe, die jetzt in Brasilien am Rio Doce wütet, ist ein trauriges Beispiel dafür. Aufgrund des Preisverfalls wurde die Produktion des Bergbauunternehmens um 40 Prozent erhöht. Als Ausgleich. Dass man die Dämme, die das vergiftete Wasser zurückhalten, dann eigentlich hätte auch verstärken müssen, darauf ist keiner gekommen. Aber das ist vielleicht verständlich, denn aus Sicht des Bergbauunternehmens ist es ja gar nicht vergiftet. Das behaupten nur Experten und Umweltschützer, aber wer hört schon auf die?

Auf 500 Kilometer ist der Rio Doce tot – und zwar richtig tot. Was jetzt da im Wasser schwimmt, ist nichts als giftiger Dreck. Dreck, der in den Ozean fließt. Dreck, der zerstörerischer kaum sein könnte. Und der unvorstellbar viele Hektar Land gleich mitverseucht.

Etliche Dörfer liegen am Rand des verseuchten Rio Doce, und auch eine Stadt mit 400.000 Einwohnern. 400.000 Menschen, die allein hier mit abgefülltem Wasser ernährt werden müssen. Und zwar auf lange, sehr lange Sicht. Denn die chemische Behandlung des Wassers, die bereits in Gang gebracht wurde oder gerade wird, reicht nicht aus, um es zu Trinkwasser zu machen, oder zu Wasser, das man zum Bewässern der Felder nutzen kann. Sie macht es zu Wasser – für was? Für die Wäsche, die man dann auf der Haut trägt? Für die Böden, über die man dann barfuß läuft? Für die Dusche?

Wenn man die Bilder sieht, von dem braunen, toten Fluss, von dem überschwemmten Dorf, kommt Mitgefühl auf. Für diese Menschen hat sich ihre Lebenssituation schlagartig katastrophal gewandelt. Sie sind urplötzlich aus ihrer vermeintlichen Sicherheit herausgefallen, sind konfrontiert mit der eigenen Verletzlichkeit bis hin zur Sterblichkeit.

Vielleicht ist dies der Grund, warum man verwundert ist, wenn man in der Süddeutschen liest, dass es in dem betroffenen Dorf Demonstrationen gibt, die sich nicht gegen das Bergwerksunternehmen richten, sondern verlangen, dass die Arbeit weitergeht. Nun, zehn Prozent der Bevölkerung des Dorfes arbeitet bei dem Bergwerksunternehmen; da erübrigt sich wohl jede weitere Frage.

Wenn die Menschen so dumm sind, oder so in ihren Ängsten verfangen, dass sie alle bei der Zerstörung mitmachen – und genau darauf läuft es ja weltweit hinaus -, und wenn wir keine Kultur entwickeln, die sich dem eigentlichen Thema unserer völlig aus dem Ruder gelaufenen Lebensorganisation widmet, können wir uns unser Mitgefühl eigentlich sparen. Oder vielleicht besser auf die Tiere richten, die bei dieser Katastrophe draufgehen – Tiere, die keine Entscheidung darüber treffen können, was da mit ihrer Welt passiert.

Im Gegensatz zu uns Menschen. Wir Menschen hielten uns einmal für die Krone der Schöpfung. Weil wir nicht uns an die Welt anpassen, sondern uns die Welt passend machen. Weil wir uns über die Natur und das Körperliche erhoben haben, mit unserem Geist darüber hinausgewachsen sind. Weil wir uns die Natur und das Körperliche untertan machen. (Und zumindest epochenweise und ortsweise darf man das Körperliche getrost mit dem Weiblichen gleichsetzen.)

Wenn es stimmt, dass das, was wir erschaffen, immer auch ein Spiegel von dem ist, was wir sind, dann sollten wir einen tiefen, ehrlichen Blick auf den Rio Doce werfen. Auf den Dreck, das Gift, zu dem er jetzt geworden ist. Auf die Lüge, die er offenbart. Auf die Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben, die er uns zeigt.

Aber die Menschen lernen nicht, und sie schauen nicht. Weder die einen, die für eine rasche Wiederaufnahme der Mine demonstrieren, noch die anderen, die jetzt im Eilverfahren und mit fragwürdigen Methoden Gesetze durchpeitschen wollen, die noch mehr Naturzerstörung ermöglichen. Da wird die eine Katastrophe genutzt, um die nächste vorzubereiten.

Die Menschen, so scheint es mir,  haben es wirklich nicht verdient, als Art zu überleben. Und wer kollektiv und auf allen Ebenen so vehement an der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen arbeitet, wird irgendwann bekommen, was er gesät hat.

Wie konnte das passieren? Wie ist es möglich, dass wir es nicht schaffen, Standards und Kontrollen einzurichten, die gewährleisten, dass der Mensch weder die Natur übermäßig ausraubt, noch seine Mitmenschen? Wenn ich jemandem im Park die Handtache klaue, ist das eine Straftat, für die ich bestraft werde. Wenn ich aber eine Firma habe und Angestellte, kann ich ihnen ihre Arbeitskraft klauen, ohne einen echten Ausgleich für das zu schaffen, was ich mir nehme, und alle sagen, das ist halt so. Und je höher man steigt, desto katastrophaler wird es.

Wir Menschen haben versagt, oder wir sind dabei zu versagen. Und wie immer, wenn mir das so bewusst wird, erinnere ich mich an das Ende des von mir mit Abstand am meisten geschätzten Fantasy-Zyklus, der es meisterhaft versteht, die Tragik des Menschen und des Menschseins auf den Punkt zu bringen – und dabei zugleich entlarvend und tröstlich ist.

Die Kunst, so will mir scheinen, hat zwar nicht die Kraft der direkten Veränderung, aber sie hat zumindest das Potential, die Sprachlosigkeit zu überwinden, die einen ansonsten ergreifen müsste angesichts dessen, was Menschen tun.

Sie hat das Potential, uns zu helfen, hinzuschauen, so dass wir, jeder für sich, unsere persönliche „security blanket“ entsorgen oder besser, überarbeiten können, und anfangen, uns dem Leben wirklich zu stellen.

Und sie hat die Kraft, die Seele zu nähren und mit dem zu versorgen, was sie ganz besonders braucht, damit wir unsere Wege und Weisen ändern. Vielleicht. Hoffentlich.

Und darum schließe ich diesen Blog-Artikel mit dem Zitat eben jenes tröstlichen Schlusses:

And now the page before us blurs.
An age is done. The book must close.
We are abandoned to history.
Raise high one more time the tattered standard
of the Fallen. See through the drifting smoke
to the dark stains upon the fabric.
This is the blood of our lives, this is the
payment of our deeds, all soon to be
forgotten.
We were never what people could be.
We were only what we were.

Remember us

Das ist es, was dem Menschen letztlich bleibt – die Erkenntnis, dass er trotz seines wiederholten Fehlens, trotz seines endgültigen Scheiterns, trotz seines kurzen Aufflackerns im riesigen Strom und Raum des Universums nicht aufhören darf, zu versuchen und sich zu bemühen, das Gute zu verwirklichen. Dieses Festhalten am Bemühen – auch im Wissen um die letztendliche Unmöglichkeit – ist es, was uns Menschen ausmacht. Was uns menschlich macht.

Daran sollten wir uns immer wieder erinnern. Es ist der Kompass unseres Lebens – sollte es sein. Gerade in Zeiten oder angesichts von Situationen, die mutlos machen. Einen anderen Weg gibt es nicht.

(Zitat: Steven Erikson; A Tale of the Malazan Book of the Fallen)

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