Ruthless – Die Gnadenlose

Stellen Sie sich vor, Sie wachen auf und finden sich in einem Gestalt gewordenen Albtraum wieder: begraben unter etwas, das nach Erde und Mist und Heu riecht. Nach dem ersten Schreck, in dem Sie sich fragen, ob Sie mit dem Traktor umgefallen sind, den Sie öfter benutzen, wollen Sie schon versuchen, sich nach oben durchzuwühlen, wenigstens eine Hand auszustrecken, um Hilfe zu bekommen.

Dann fallen Ihnen andere Dinge auf, die Sie zögern lassen. Zum Beispiel ist da freier Platz um ihre Nase herum, der Ihnen die Möglichkeit gibt zu atmen. Und dann bemerken Sie, dass sich der Boden, auf dem Sie liegen, bewegt – Sie befinden sich in einem fahrenden Auto. Sie werden, das wird Ihnen jetzt immer klarer, entführt.

So fängt der Roman der Debüt-Autorin Carolyn Lee Adams an. Ein Roman, den ich übersetzt habe. Ein Roman, den ich eigentlich gar nicht hätte übersetzen sollen, denn erstens bin ich für einen Übersetzer eingesprungen, der keine Zeit hatte, und zweitens … hasse ich Serialkiller-Geschichten.

Ja, ich kann das so sagen. Aufgrund meiner persönlichen Geschichte sind mir eine bestimmte Art von angstmachenden Geschichten zuwider, erst recht, wenn sie auf eine üble Form die Sexualität von Frauen ausbeuten. Und in vielen, viel zu vielen Serialkiller-Geschichten ist die sexuelle Bemächtigung der Frau genau das Thema.

Deshalb habe ich lange meine Finger von solchen Romanen gelassen, sowohl als Leserin wie auch als Übersetzerin. Dann bekam ich dieses Angebot, mit dem Hinweis des Lektors, er hätte beim Lesen nicht das Gefühl, dass da für mich etwas Problematisches drin und dran sei.

Ich las also das Buch, und was soll ich sagen: ich war begeistert. Von der ersten Zeile bis zur letzten.

Ja, es ist eine Serialkiller-Geschichte. Und ja, es geht darum, dass ein Mädchen – die 16jährige Ruth – von einem Psychopathen entführt wird, der vorhat, sie zu vergewaltigen, psychisch zu quälen und zu töten. Und doch ist das Buch anders – denn Ruth ist eine Kämpferin. Eine Wett-Kämpferin genau genommen.

Ruth Carver ist die Tochter von Ranchbesitzern und sitzt im Sattel, seit sie denken kann. Ihre Mutter ist Reitlehrerin, der Vater kümmert sich um den Rinderbereich der großen Farm. Ruth hat schon etliche Preise gewonnen und das Potential, ganz nach oben zu kommen. Und man kann sagen, dass sie dabei durchaus eine gewisse Zielstrebigkeit an den Tag legt, die auf andere gnadenlos wirken kann.

Auf jene Mädchen zum Beispiel, die Reitunterricht bei ihrer Mutter bekommen und ebenfalls an Wettkämpfen teilnehmen. Oder auf ihren Freund Caleb, mit dem sie eine nicht eingestandene Liebesbeziehung verbindet. Oder sogar auf ihre Eltern, denen dieser Charakterzug anscheinend nicht fremd ist.

Genau hier setzt die Verknüpfung mit dem Serialkiller an. Denn Wolfmann – Ruth nennt ihn nie anders – geht es darum, kleine Mädchen (mit bestimmten äußeren Merkmalen) zurechtzuweisen, die er als zu fordernd empfindet, als rücksichtslose Egoisten, als überbordend mit sexueller Ausstrahlung.

Natürlich liegt hier eine Projektion eines inneren Konflikts aufgrund eigener kindlicher Erfahrungen zugrunde, etwas, das in Serialkiller-Romanen (und anderen Spannungsromanen) nahezu üblich ist. Und so liegt das, was Wolfmann mit Ruth vorhat, auch ganz im Rahmen dessen, was man erwarten würde – und was er mit anderen Mädchen bereits getan hat: er will sie reinigen von ihrem Schlechtsein, er will sie bestrafen, indem er sie seelisch und körperlich quält.

Aber bei Ruth hat er einen Fehler gemacht. Erstens irrt er sich bezüglich ihres Alters, denn sie wirkt aufgrund ihrer geringen Körpergröße jünger als sie ist. Und zweitens hat er unterschätzt, dass sie als Reitsport-Kämpferin eine ganz andere Mentalität mitbringt als jedes andere seiner Opfer zuvor.

Und dies ist der Grund, weshalb sich dieser Roman schon sehr früh ganz anders als gedacht entwickelt. Die Dinge entwickeln sich anders. Ruth nutzt nicht die erstbeste, sondern die erste vielversprechende Gelegenheit zur Flucht aus der Jagdhütte mitten in der Wildnis, in die er sie verschleppt hat. Von dort aus, verfolgt und gejagt von Wolfmann, versucht sie, in die Zivilisation zurückzukehren.

Die Wildnis ist Wolfmanns Zuhause, er kennt sie in- und auswendig. Aber was er unterschätzt, ist genau das, was er Ruth vorgeworfen hat – ihre Gnadenlosigkeit im Verfolgen bestimmter Ziele. Ihre Fähigkeit, sich zu quälen, zu disziplinieren, Schmerzen zu ertragen, sich selbst welche zuzufügen – um zu überleben. Was Wolfmann unterschätzt, ist ihre Fähigkeit, »gnadenlos« zu sein, um des Überlebens willen.

Was folgt, ist nicht nur eine zugleich irre wie auch phantastische Verfolgungsjagd in einem riesigen Waldgebiet mit Wechsel von Jäger und Gejagtem. Oder anders ausgedrückt: das allein macht den enormen Reiz des Buches nicht aus. Nein, Ruth wäre nicht Ruth, wenn sie nicht neben ihrer kämpferischen Fähigkeit aufgrund ihres Reitsports auch eine Anpassungsfähigkeit besitzen würde, die Bereitschaft, nachzudenken, über das, was Wolfmann ihr vorgeworfen hat.

Ruth erlebt durch ihre Entführung und die Flucht durch den Wald mit all ihren Folgen letztlich eine Wandlung – und es ist diese Wandlung, die mich tief berührt hat. Der Kampf im Außen fordert alles von ihr – und er ist nicht zu führen ohne eine Wandlung im Innern. Alles kommt letztlich auf die eine oder andere Weise auf den Tisch – ihre Beziehungen zu anderen Menschen, ihre Sicht auf die Welt, ihr ganzes eingefahrenes eingleisiges Leben im Dienste des Reitsports. Spirituelle Erfahrungen – wunderschön erzählt – führen zu umfassenden Transformationen, zu einem tiefen Wissen in ihr, warum sie leben muss. Was Leben wirklich bedeutet. Worum es wirklich im Leben geht.

Während des Übersetzens dachte ich irgendwann, dass „Ruthless – Die Gnadenlose“ im Grunde die weibliche Antwort auf „Life of Pi“ ist. Als ich den Film damals sah, dachte ich, dass ich ihn mir nicht mit einer Heldin vorstellen kann. Es würde nicht funktionieren, dachte ich. Aber vielleicht ist das gar nicht richtig.

Carolyn Lee Adams Roman jedenfalls zeigt, dass auch weibliche Charaktere in dem, was sie zu bewältigen haben, über die Dimension der irdischen Herausforderungen hinausgehen können – dass sie die irdischen Erlebnisse genauso zum Anlass für weiterreichende Erfahrungen und Erkenntnisse nutzen können. Und ihr Roman zeigt, dass man auch weibliche Charaktere in Romanen nicht auf irdische Probleme begrenzen muss. Dass es möglich ist, das Allgemeine auch am Beispiel einer Frau, eines Mädchens zu zeigen, was ja leider nur selten geschieht, da dafür gewöhnlich männliche Protagonisten gewählt werden. So sind wir es gewohnt.

So sind wir es gewohnt – aber es ist nicht richtig. Und es ist nicht gut. Denn in der spirituellen Selbsterkenntnis liegt die unerschöpfliche Kraft, zu der wir alle prinzipiell Zugang haben. Um diese Kraft zu finden, brauchen wir jedoch entsprechende Erfahrungen, die uns auffordern und es uns ermöglichen, tiefer zu sehen, hinter den Schleier der irdischen Welt und ihres Schauspiels zu blicken. Nicht zufällig sind es häufig Schicksalsschläge, die es Menschen ermöglichen, mit diesem Aspekt von sich in Beziehung zu treten – ja, die es ihnen abverlangen.

In so einer Situation befindet sich Ruth. Damit konfrontiert, ihr Leben retten zu müssen, allein und verlassen in einer Wildnis, die sie nicht kennt, ohne Essen und Trinken und anfangs sogar ohne Kleidung, muss sie ihre Kraft aus einer tieferen Ebene ihres Seins holen. Sie muss über sich hinauswachsen, in so vielen Hinsichten, und indem sie das tut, indem sie das kann, wird sie verändert.

Adams Roman zeigt diese Wandlung bei der sechzehnjährigen Protagonistin. Und sie tut das meisterhaft. Das Buch hat die richtige Länge, den richtigen Ton – zu den spirituellen Momenten, die mich an einzelne Szenen aus »Life of Pi« erinnerten, gesellt sich eine düster-phantastische Atmosphäre, die sofort »Die Nacht des Jägers« in mir auferstehen ließ -, denn Adams besitzt die wunderbare Fähigkeit, die Gratwanderung zu meistern, die darin liegt, die moralischen Angriffe auf Ruth zu thematisieren und sie weder in Schuld versinken noch in harter Abwehr enden zu lassen oder – noch schlimmer – einer furchtbaren, klischeehaften Verstrickung von Täter-Opfer zu verfallen.

Adams zeigt vielmehr eine Protagonistin, die über sich hinauswächst, immer und immer wieder und in jeder Hinsicht. Dabei ist sie zugleich Opfer, und sie ist es auch nicht. Sie ist selbstkritisch, aber sie lässt sich nicht davon schwach machen, sie versinkt nicht in Selbstzweifeln. Sie ist lernfähig, aber sie lässt sich nicht entwurzeln, auch dann nicht, als sie körperlich am Ende ist. Auch dann nicht, als ihre Fähigkeit, die Situation mit ihrem Geist zu kontrollieren, nicht mehr perfekt ist. All das fördert und steigert nur ihren unbedingten Wunsch zu leben. Das ist es  was ihr das Leben rettet. Was ihr zum Schluss ein Handeln ermöglicht, das ich nicht verraten möchte, weil es so wunderbar ist, so unglaublich.

Enden möchte ich lieber mit einem Zitat aus dem Buch, aus dem hervorgeht, wie sie mit der Situation umgeht, mit dem Opfersein, mit dem eigenen Schuldigsein, mit der Gehirnwäsche, der Wolfmann sie zu unterziehen versucht, wie er es bei den anderen Opfern getan hat. Aus dem – ohne allzu viel zu verraten – vielleicht ein bisschen zu erahnen ist, welche Stärke dieses Mädchen hat – und dabei ist das erst der Anfang.

Vielleicht habe ich das hier verdient. Vielleicht sollte ich es als das betrachten, was mir zukommt. Vielleicht sollte ich einfach aufgeben und sterben. Es wäre so einfach, so wunderschön einfach. Muskeln, von denen ich gar nicht wusste, dass sie angespannt waren, lassen los und entspannen sich, bereiten mich darauf vor, davonzugleiten.

Bevor ich mich der Dunkelheit überlasse, schlägt eine schwache Stimme zurück. Sie sagt: Nein, das hier habe ich nicht verdient. Vielleicht bin ich ein schlechter und furchtbarer Mensch, aber das hier ist nicht in Ordnung. Niemand hat so etwas verdient. Absolut niemand.

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