Was nicht von uns bleibt

Normalerweise lernen wir einen Menschen kennen, indem er sich mehr oder weniger in dem zeigt, was und wie er ist. Wir nehmen ihn über die Sinne wahr, hören ihn, sehen ihn, vielleicht riechen wir ihn auch, wir analysieren möglicherweise seine Worte, legen Bedeutung in das, was wir von ihm wissen. Und irgendwann, manchmal nach kurzer Zeit, manchmal nach einer halben Ewigkeit, glauben wir, diesen Menschen zu kennen. Er ist da, präsent in unserem Kopf. Wenn er eines Tages geht, was bleibt dann von ihm? Eindrücke, die wir nicht vergessen können, auch wenn sie allmählich in einen Bereich unseres Hirns rutschen, den wir nicht mehr ständig aufsuchen. Weiterlesen

Oktober 30, 2014Permalink 5 Kommentare

Wie Kinderseelen geopfert werden – Marion Zimmer Bradley & Co.

»Es ist ein unheimlich spannendes Verfahren«, wird Staatsanwaltsschafts-sprecher Alexander Badle im Zusammenhang mit den Ermittlungen im jüngsten Fall von Kinderpornographie in Deutschland zitiert.

Ein Satz, der so oft wiederholt wird, wie der Artikel im Netz auftaucht. Ein Satz, der mir eine Gänsehaut bereitet.

Genauso wie die im Zusammenhang mit den Missbrauchsenthüllungen um Marion Zimmer Bradley erhobene Forderung, man müsse Werk und Autor(in) trennen. Oder wie die Tatsache, dass Jimmy Savile, gefeierter BBC-Moderator in Großbritannien, ungehindert mindestens 500 (verbürgte) Missbrauchs- und Vergewaltigungstaten in psychiatrischen Kliniken verüben konnte, obwohl mehrfach von Opfern darauf hingewiesen wurde. Oder wie die Reaktion des Reformpädagogen Hartmut von Hentigs, der die Missbrauchstaten an der Odenwaldschule unter Leitung seines Freundes und Täters Gerold Becker beschönigte und die Kinder als Verführer darstellte. Weiterlesen

Licht und Dunkelheit II – Die Höhlen von Mallorca

Als ich plante, Urlaub auf Mallorca zu machen, hatte ich nicht im Sinn, mich in die Dunkelheit zu begeben. Mich reizte das Licht, die Sonne, die Wanderungen und das Meer, aber es war nicht meine Absicht, meine kostbare Urlaubszeit irgendwo im Innern von Felsgestein zu verbringen. Als freiberufliche Übersetzerin sitze ich wahrlich genug im Innern. Und dann war es ja nicht so, als hätte ich noch nie eine Tropfsteinhöhle gesehen …

Dann las ich durch Zufall etwas darüber. In einer dieser Höhlen – den Coves del Drac – soll sich einer der größten unterirdischen Seen befinden, hieß es. Andere – nicht offen zugängliche – reichen Hunderte von Metern in die Tiefe. Lediglich mit großer Erfahrung und geführt von bestimmten Wanderveranstaltern kann man diese Höhlen erklettern – senkrecht nach unten in schmale Schächte hinein und hinauf zum Beispiel, etwa 12 Stunden lang. Keine Frage, das war nichts für mich, aber ich war neugierig geworden. Vielleicht, wenn es regnete?

Es regnete tatsächlich. Von den sechs Tagen, die ich im Mai auf Mallorca verbrachte, erwischte ich vier Sonnentage, an denen ich beeindruckende Wanderungen machen konnte – fast immer mit Meerblick -, und zwei Regentage. Es sollte also wohl so sein, und so besuchte ich an einem dieser Tage zwei und am anderen – dem letzten – nach einer wegen Nässe abgebrochenen Wanderung noch eine weitere Höhle.

Drei Höhlen – die Coves d’Artà, die Coves del Drac und die Coves de Hams – und alle vollkommen unterschiedlich. Nicht nur in der Art, wie sich sich den Touristen präsentieren, sondern auch im Hinblick auf die Ausgestaltung der Formationen, die sich über Millionen von Jahren hinweg herausgebildet haben. Deckenhöhe, Luftqualität, Raumgröße und ähnliche Faktoren sind ebenfalls sehr unterschiedlich. Und doch haben sie alle ihren eigenen Reiz:

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Coves d’Artá

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Coves del Drac

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Coves de Hams

Die Frage, ob die kitschige Beleuchtung in den Coves de Hams wirklich nötig sind, ist sicher berechtigt. Aber man sieht offenbar keinen Anlass, von dem seit Jahrzehnten bestehenden Konzept abzuweichen. Und die Besucherzahlen geben dem anscheinend recht – riesige Menschenmassen strömen hier durch, vor allem während der Hauptsaison.

Den Scharen an Besuchern ist es auch zu verdanken, dass fast nirgendwo ernstzunehmende wissenschaftliche Informationen angeboten werden. Wobei die Coves del Drac immerhin konsequent genug sind, gleich total auf irgendwelche Worte zu verzichten. Das, was man in den Coves d’Artà zu hören bekommt – man schmückt sich dort mit einem angeblich höheren wissenschaftlichen Anspruch – ist es jedenfalls nicht wert. Und ob man unbedingt eine Jules-Verne-Darbietung in den Coves de Hams braucht, weiß ich auch nicht, ist aber natürlich Geschmackssache. Weiterlesen

Gedanken zu Licht und Dunkelheit I

Gewöhnlich gilt die Dunkelheit als das Reich, in dem das Böse lauert. Licht ist Liebe, Schwärze ist Hass und Finsternis. Seit uralten Zeiten findet sich diese Einteilung in den Phantasien von Menschen.

Was aber ist der Ursprung dieser Aufteilung von Gut und Böse in Hell und Dunkel? Und was hat es damit auf sich, dass manche Dinge die Dunkelheit benötigen, um überhaupt werden zu können? Sind Nachtinsekten weniger wert als wir? Beruht dieser Dualismus nicht vielleicht nur auf der schlichten Tatsache, dass der Mensch in der Dunkelheit nicht gut sieht und deshalb verunsichert ist?

Vor ein paar Jahren bin ich einmal in eine unbewirtschaftete Schwarzwaldhütte gewandert. Es war eine Art Test, ich wollte sehen, wie ich mich fühle, wenn ich die ganze Nacht allein in oder bei einer Hütte ohne Strom und Licht (abgesehen von Kerzen) bin, einer Hütte, die zudem nur von außen, nicht aber von innen abschließbar war. Vor allem wollte ich nachspüren, wie es ist, draußen „Wache“ zu halten, wie es in Fantasy-Romanen so oft geschieht (dies auch deshalb, weil ich selbst an einem schreibe). Weiterlesen

Schlechte Mutterschelte

Wer mit wachen Augen durchs Leben geht, kommt nicht umhin zu erkennen, dass die Welt ganz und gar nicht das ist, was sie sein könnte. Und dass wir auf dem besten Wege sind, unsere Lebensgrundlage zu vernichten und womöglich – auf lange Sicht – unsere gesamte Art auszurotten.

Der Wunsch, zu erkennen, woran es liegt, und am besten auch gleich Lösungen anzubieten, ist verständlich. Allerdings ist damit auch immer die Gefahr verbunden, einseitig zu werden, sich und seine Erkentnnisfähigkeit zu überschätzen, und dem Glauben zu verfallen, man wüsste besser Bescheid als alle anderen. Es ist leicht, dabei in die Irre zu gehen oder zumindest übers Ziel hinauszuschießen.

In seinem Buch »Mutti ist die Bestie« passiert dem Autor Torsten Milsch genau das. Als Psychologe und Psychoanalytiker hat er beruflich mit Menschen zu tun, die unter der Welt leiden – der äußeren wie der inneren -, und da alles Leben mit der Mutter anfängt, hat er anscheinend den Schluss gezogen, dass die Mutter oder besser ein bestimmter Muttertypus an allem schuld ist. Diesen Typus, die herrschsüchtige Mutter, nennt er in der Folge Mutti, während die gute Mutter Mama genannt wird. Beschäftigen tut er sich mit der Diktatur durch die Mutter, mit dem sogenannten »Mutti-System«, das es, wie er sowohl im Buch als auch in Talkshows wohlweislich hinzufügt, natürlich auch bei Männern gibt. Weiterlesen

Diesseits der Nacht – Comic aus der Ortenau

Nackte Frauen in Comics sind eigentlich nie mein Ding gewesen. Wer mich noch aus der Zeit von Comic Speedline, Comic Almanach und Rraah! in der ersten Hälfte der 90er Jahre kennt, weiß, dass ich meinen ganz persönlichen, 80er-Jahre-geprägten feministischen Blick hatte und mich auch nie gescheut habe, ihn in Rezensionen, Artikeln oder Dia-Vorträgen zu feministischen Independent-Künstlerinnen wie Roberta Gregory oder Julie Doucet kundzutun.

Wenn ich jetzt Werbung für Helmut Schulz‘ ersten Band »Diesseits der Nacht« aus der auf mehrere Bände angelegten Reihe »Telaya & Dioman« mache, könnte man meinen, dass ich meine Meinung geändert habe. Schließlich läuft seine Protagonistin abgesehen von wenigen Bildern im Anfangsteil der Rahmenhandlung durch und durch nackt durchs Bild, und ihre Haut zieren höchstens ein paar hübsche Ranken. Aber ich habe meine Meinung nicht geändert; sie hat sich vielmehr in den letzten Jahren noch verfeinert und ist klarer geworden. Und allein der Zeichenstil von Schulz verrät, dass seine Absicht nicht die Zurschaustellung des weiblichen Körpers um seiner selbst willen oder aus Effekthascherei ist, sondern dass eine klare, gute Geschichte dahintersteht. Weiterlesen

Frühlingserwachen

Er ist`s 

Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land

Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen
Horch, von fern ein leiser Harfenton!

Frühling, ja du bist’s!
Dich hab ich vernommen! 

(Eduard Mörike, 1804-1875)

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Ich gebe es zu: ich liebe Gedichte. Schon in der Schulzeit habe ich mich bei MitschülerInnen unbeliebt gemacht, weil ich mich dafür ausgesprochen habe, Gedichte in den Deutschunterricht einzubeziehen.

Gedichte begleiten mich mein ganzes Leben. Dieses hier fiel mir spontan beim letzten Gang durch die Natur auf. Der Himmel war quietschblau, kein Wölkchen in Sicht, ein laues Lüftchen wehte und die ersten Knospen und frisches Grün zeigten sich bereits.

Nächsten Monat ist Frühlingsanfang – vieles spricht dafür, dass der Winter dieses Jahr nicht mehr unerwartet zurückkehrt. Mit diesen Aussichten wünsche ich allen einen fröhlichen Monatswechsel!

BGH: zahlen müssen für lieblosen Vater

Einen Tag lang war es überall in der Presse zu lesen: das BGH-Urteil vom 12.2.2014 zu der Frage, ob ein Sohn für die Pflegekosten seines Vaters aufkommen muss, der schon vor Jahrzehnten den Kontakt mit ihm abgebrochen und ihn dann auch noch enterbt hat. Ja, er muss, entschied der BGH, denn die »’Aufkündigung des familiären Bandes‘ gegenüber erwachsenen Kindern ist noch keine ’schwere Verfehlung’«, wie die Entscheidung unter anderem begründet wurde.

Hier spricht sich ein derart eklatanter Mangel an Verständnis für die gravierenden Folgen aus,  die die Ablehnung durch den Vater oder die Mutter für ein Kind bedeutet, dass es mir erst einmal die Sprache verschlagen hat. Anscheinend waren hier Richter am Werk, die keinerlei Ahnung von Psychologie haben, wenn sie ernsthaft meinen, dass ein Vater seine Pflicht getan hat, wenn er bis zur Vollendung des 18. Lebensjahrs für seinen Sohn da war, und  dann mit ihm nicht das Geringste mehr zu tun haben will. Weiterlesen

Musik in American Sign Language

Gefunden auf Simone Hellers Blog: eine wunderschöne Variante des Ohrwurms »Somebody I used to know« in der Gebärdensprache. Die Idee hatte Azora Telford, Tochter von zwei Gehörlosen und Künstlerin. Schon als kleines Kind, so erzählt sie in diesem Interview, sei sie von ihnen gefragt worden, wie Musik aussehen würde.

Das Ergebnis ihrer Bemühungen, die Emotionen der Musik für Gehörlose sichtbar zu machen, kann sich mehr als sehen lassen. Und ich frage mich mal wieder, warum wir in der Schule zwar alle möglichen Sprachen lernen, aber nicht wenigstens Grundzüge der Gebärdensprache.

Das Geheimnis der Bäume und der Mensch

»Es war einmal ein Wald« – so der Film »Das Geheimnis der Bäume« von Luc Jacquet im französischen Original – gehört für mich zu den wunderbarsten Filmen, die ich je gesehen habe. Wegen der Bilder, die er vom Regenwald zeigt, aber auch wegen der hervorragenden Einbindung von Animationen, durch die etwas erlebbar wird, das uns gewöhnlich verschlossen bleibt: die Bewegung des Baumes, der Kreislauf des Lebens, das Geben und Nehmen eines unglaublich ausgeklügelten Ökosystems.

Luc Jacquet, der dem Botaniker Francis Hallé in den Regenwald gefolgt ist, zeigt uns, dass Bäume alles andere als so passiv und bewegungslos sind, wie ich es noch in der Schule gelernt habe. Er zeigt, wie der Baum in einer aktiven Symbiose mit Kleinsttieren lebt, die sich in ihm ihr Heim errichten und ihn von innen schützen. Er zeigt, wie er wittern kann, wenn ein Aggressor seinen Lebensraum betritt, und er seine Blätter giftig werden lässt, wie Bäume sich so untereinander warnen. Er zeigt, wie er in Zeiten zu langer Trockenheit Duftstoffe in die Luft schickt, die wie feine Staubpartikel Feuchtigkeit ansammeln, die wiederum schwerer werden, Wolken erzeugen, bis diese sich schließlich abregnen. Weiterlesen