J.M.Straczynski und Babylon 5

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich im Sommer 1995 von einem Freund auf die Serie Babylon 5 aufmerksam gemacht worden war. Obwohl ich den Pilotfilm bereits vorher gesehen hatte, war mir der Beginn der Serie entgangen, und daher stieg ich erst nach 2 – 3 Episoden ein. So etwas sollte mir allerdings danach nicht mehr passieren. Die Mischung aus SF und Philosophie, die hervorragende Erzählstruktur, der humanistische Grundton der Serie, die geistige Tiefe – Babylon 5 hatte mich unwiderruflich gepackt und bestimmte mein Leben in den folgenden Jahren nicht unwesentlich. Planungen wurden um Babylon 5 herum organisiert (trotz Video-Recorder, ich wollte es schließlich sofort sehen); nächtelange Diskussionen mit Freunden – warum was wann wer wo und überhaupt -; schließlich ein von Pro 7 veranstalteter Con in Frankfurt zu Babylon 5 und Akte X, wo eine atemberaubend glücksstrahlende Claudia Christian auftrat; dann sogar die Möglichkeit, ein paar Babylon-5-Comics zu übersetzen.

Es war eine schöne Zeit, aber wie alles verklang auch sie mit dem Ende der Serie allmählich, und anderes tauchte auf. Jetzt hat J.M.Straczynski mich – und sicherlich nicht nur mich – mit einem Schlag wieder in das Universum von Babylon 5 zurückgerufen.

572px-J_Michael_Straczynski_2007-05-12Bei einer Convention in Phoenix, Arizona, die vor ein paar Tagen stattfand, nutzte er die Gelegenheit und hielt eine längere Rede, in der er an die bereits verstorbenen Darsteller der Serie erinnerte: an den 2004 verstorbenen Richard Briggs alias Dr. Stephen Franklin, der so taub war, dass er nicht nur die eigene Sprechrolle auswendig lernen musste, sondern auch die aller anderen, um von deren Lippen ablesen zu können. An Andreas Katsulas alias G’Kar, der Straczynski vor seinem Tod 2006 zu einem „last lunch“ einlud, bei dem er ihn bat, ihm Hintergründe über die Dreharbeiten zu erzählen, die er sowieso niemandem mehr weitererzählen könne. An den 2011 verstorbenen Jeff Conoway alias Zach Allen, der es sich aus verschiedenen Gründen, für die er auch durchaus die Verantwortung übernahm, mit dem Showbusiness verscherzt hatte und Straczynski mit den Worten »I’ll make you proud« bat, ihm eine Chance zu geben, als er für eine Tagesrolle vorsprach, und sie auch erhielt.

Besonders berührend war aber wohl für die Anwesenden, was Straczynski über den im September 2012 verstorbenen Michael O’Hara alias Jeff Sinclair erzählte, der die Serie bereits nach der ersten Staffel wieder verlassen hatte – leider, wie ich damals fand. Aber den Grund konnte ich auch irgendwie verstehen, denn wie es hieß, würde er für so lange Zeit nicht darauf verzichten wollen, an einem Theater in New York zu spielen. Beides war angesichts der intensiven Babylon-5-Dreharbeiten natürlich nicht möglich.

Die Wirklichkeit sah allerdings anders aus – trauriger, weil O’Hara offenbar an einer psychischen Krankheit litt, die regelmäßig behandelt werden musste, wofür die Pausen zwischen den Sessions nicht ausgereicht hätten, aber auch schöner wegen Straczynskis Reaktion darauf. Wie er erzählte, bot er O’Hara an, den Dreh bis zur Beendigung seiner Behandlung zu verschieben, was dieser jedoch unter Hinweis darauf ablehnte, dass er nicht wollte, dass all die anderen seinetwegen ihre Arbeit verloren. Sie kamen daraufhin überein, seine Rolle aus der Serie zu nehmen, aber gelegentlich wieder auftauchen zu lassen. Und Straczynski versprach seinem Freund, die Wahrheit bis zu seinem Tode für sich zu behalten – womit, wie O’Hara betonte, wirklich seiner gemeint war, nicht der von Straczynski. Dass Straczynski  dieses Versprechen 19 Jahre lang gehalten hat, gehört zu den schönen Erfahrungen im Leben, gerade in einer Medienwelt, die keine Gnade kennt.

Noch mit vielen anderen kleinen Anekdoten beschwor Straczynski den Geist der Serie auf vielfache Weise herauf. Eines wird dabei noch einmal mehr deutlich, wenn man den Bericht darüber liest oder einen kleinen Teil seiner Rede hört: die Tiefe und Intensität, die Babylon 5 ausmacht, ist wesentlich der Authentizität seines Schöpfers zu verdanken, der die in der Serie grundlegenden humanistischen Vorstellungen auch tatsächlich lebt, und zwar auf dem Set und hinter dem Set.

Schade, dass er an seine eigene Vision dann doch nicht genug geglaubt hat, um die Serie so zuende zu erzählen, wie es eigentlich geplant gewesen war.