Wohin uns die Reise der Gier führt

Vor kurzem fand ich von einer nicht unbekannten deutschen Fluggesellschaft einen Hinweis auf das neue Angebot von »Business Class Reisen«, zum Beispiel einmal Abu Dhabi und zurück für 2.599 Euro, incl. sechs Übernachtungen mit Frühstück und Privattransfers. Scrollte man hoch, fand man die Angebote für das Normalvolk, das auf den immer enger werdenden Plätzen der Economy Class sitzt und darauf trainiert wird, Schnäppchen zu jagen und aus dem Hirn zu verdrängen, dass irgendwer ja diese Kosten tragen muss, die man ihm erspart. Am Ende womöglich die (in welchem Land auch immer) arbeitende Bevölkerung? Oh je, darüber wollen wir lieber nicht nachdenken. Wir haben’s ja selbst so schwer. Weiterlesen

Februar 17, 2015Permalink 2 Kommentare

Vom Sinn, sich erschüttern zu lassen

Wie ist es eigentlich möglich, frage ich mich aus aktuellem Anlass seit ein paar Wochen häufiger, dass Menschen wegsehen? Wie schaffen sie es, etwas auszublenden, das sie nicht sehen wollen? Ich meine: wie gelingt es ihnen »bewusstseinstechnisch«, so etwas zu bewerkstelligen?

Wir alle sind fähig zu Mitgefühl und Einfühlungsvermögen. Jeder von uns. Selbst Hitler liebte seinen Schäferhund. Es ist also nicht so, als würden grausame Menschen diese Fähigkeit gar nicht besitzen; sie entscheiden sich nur einfach, sie lediglich bestimmten Kontexten und Lebewesen zukommen zu lassen und ansonsten ihr anderes, kaltes Gesicht zu zeigen. Weiterlesen

Was nicht von uns bleibt

Normalerweise lernen wir einen Menschen kennen, indem er sich mehr oder weniger in dem zeigt, was und wie er ist. Wir nehmen ihn über die Sinne wahr, hören ihn, sehen ihn, vielleicht riechen wir ihn auch, wir analysieren möglicherweise seine Worte, legen Bedeutung in das, was wir von ihm wissen. Und irgendwann, manchmal nach kurzer Zeit, manchmal nach einer halben Ewigkeit, glauben wir, diesen Menschen zu kennen. Er ist da, präsent in unserem Kopf. Wenn er eines Tages geht, was bleibt dann von ihm? Eindrücke, die wir nicht vergessen können, auch wenn sie allmählich in einen Bereich unseres Hirns rutschen, den wir nicht mehr ständig aufsuchen. Weiterlesen

Oktober 30, 2014Permalink 5 Kommentare

Was Bäumefällen und das Gehirn miteinander zu tun haben

»Mein Freund, der Baum«, sang Alexandra vor einer halben Ewigkeit, und schon damals, als ich noch ein Kind war und zu ihren und anderen Liedern gemeinsam mit meinem jüngeren Bruder um den Wohnzimmertisch herumstapfte, machte das Lied mich traurig.

Vor ein paar Tagen wurde ich unfreiwillig daran erinnert, denn beim Aufstehen begrüßte mich Motorengeräusch aus dem Garten meiner Mietwohnung. Mein erster Impuls war Wut und Verärgerung, dann folgte eine Art Resignation. Der Baum, der jetzt gefällt wurde, war nicht der erste Baum. Das Baumhaus, wie ein Freund fünf Jahre zuvor bei meinem Einzug meinen Balkon genannt hatte, gibt es längst nicht mehr, denn jedes Jahr wurden mehr Bäume gefällt. Jetzt stehen noch ganze drei von den fast zehn am Tage meines Einzugs. Wenn auch die letzten drei fallen, habe ich in alle Richtungen freien Blick auf Stein und Beton. Aber es ist nicht nur das: wenn die Bäume fehlen, fehlen auch die Vögel, und es wird in jeder Hinsicht ärmer werden. Weiterlesen

Winterruhe oder Weihnachtsstress

Eigentlich ist der Winter in unseren Breiten ja die Zeit des Rückzugs. Die Natur begibt sich zur Ruhe, um möglichst wenig Energie zu verbrauchen, denn in der Kälte ist vieles erstarrt, das Sonnenlicht ist magerer, die Menge an Fresstieren ebenfalls reduziert oder sie sind schwerer zu erbeuten, und  die ganze herrliche Fülle des Sommers und Herbstes – Beeren, Wurzeln und so weiter – hat sich davongemacht. Es ist sinnvoll, sich da nicht zu verausgaben, sondern auf ein Minimum an Tätigkeiten zu beschränken und mit der geringeren Energie sorgfältig umzugehen.

Tiere und Pflanzen tun das – so lange man sie nicht daran hindert -; der Mensch, der sich schon seit langem von den natürlichen Verläufen abgetrennt hat, natürlich nicht. Im Gegenteil; er fängt an, emsig Päckchen zu packen, zu kaufen, zu verschnüren, zu schmücken, Weihnachtsfeiern zu gestalten, hinzugehen, zu erdulden. Das Weihnachtsgeschäft, diese Hoch-Zeit des Verkaufs, fordert zusätzlich seinen Tribut, denn jetzt ist Not an der Frau und am Mann, von wegen Ruhe und Rückzug und Einklang mit den natürlichen Bedürfnissen unseres Körpers. Weiterlesen

Mutter ist die Beste?

Wenn es ein grundlegendes Problem des Menschen gibt, dann die Tatsache, dass er seine eigenen persönlichen Erfahrungen mit dem Leben verallgemeinert. Stillschweigend und unüberprüft geht er davon aus, dass andere Menschen zu den gleichen Schlussfolgerungen und Empfindungen gekommen sind wie er.

Geistige, seelische und emotionale Freiheit ist somit auch davon abhängig, wie gut er in der Lage ist, zu differenzieren: zwischen seinem eigenen Erleben und dem anderer; zwischen seiner eigenen Wahrnehmung und der anderer; zwischen dem, was er empfindet und dem, wie das Empfundene zu Deutungen geworden ist, zu Aussagen und Konzepten über die Welt.

Wenn er das tut, wird er unweigerlich früher oder später zu dem Schluss gelangen, dass andere Menschen nicht so sind wie er, und dass daher Vorsicht angeraten ist, wenn man ihnen die eigenen Meinungen, Lebensweisheiten, Erfahrungen überstülpt und die eigenen Maßstäbe ansetzt. Natürlich steht dem gegenüber, dass es allgemeine Erkenntnisse über die Welt gibt – so wie die Schwerkraft, der sich kein Lebewesen auf der Welt entziehen kann, oder die Tatsache, dass wir alle einen Überlebenstrieb haben. Weiterlesen