Schlechte Mutterschelte

Wer mit wachen Augen durchs Leben geht, kommt nicht umhin zu erkennen, dass die Welt ganz und gar nicht das ist, was sie sein könnte. Und dass wir auf dem besten Wege sind, unsere Lebensgrundlage zu vernichten und womöglich – auf lange Sicht – unsere gesamte Art auszurotten.

Der Wunsch, zu erkennen, woran es liegt, und am besten auch gleich Lösungen anzubieten, ist verständlich. Allerdings ist damit auch immer die Gefahr verbunden, einseitig zu werden, sich und seine Erkentnnisfähigkeit zu überschätzen, und dem Glauben zu verfallen, man wüsste besser Bescheid als alle anderen. Es ist leicht, dabei in die Irre zu gehen oder zumindest übers Ziel hinauszuschießen.

In seinem Buch »Mutti ist die Bestie« passiert dem Autor Torsten Milsch genau das. Als Psychologe und Psychoanalytiker hat er beruflich mit Menschen zu tun, die unter der Welt leiden – der äußeren wie der inneren -, und da alles Leben mit der Mutter anfängt, hat er anscheinend den Schluss gezogen, dass die Mutter oder besser ein bestimmter Muttertypus an allem schuld ist. Diesen Typus, die herrschsüchtige Mutter, nennt er in der Folge Mutti, während die gute Mutter Mama genannt wird. Beschäftigen tut er sich mit der Diktatur durch die Mutter, mit dem sogenannten »Mutti-System«, das es, wie er sowohl im Buch als auch in Talkshows wohlweislich hinzufügt, natürlich auch bei Männern gibt. Weiterlesen

BGH: zahlen müssen für lieblosen Vater

Einen Tag lang war es überall in der Presse zu lesen: das BGH-Urteil vom 12.2.2014 zu der Frage, ob ein Sohn für die Pflegekosten seines Vaters aufkommen muss, der schon vor Jahrzehnten den Kontakt mit ihm abgebrochen und ihn dann auch noch enterbt hat. Ja, er muss, entschied der BGH, denn die »’Aufkündigung des familiären Bandes‘ gegenüber erwachsenen Kindern ist noch keine ’schwere Verfehlung’«, wie die Entscheidung unter anderem begründet wurde.

Hier spricht sich ein derart eklatanter Mangel an Verständnis für die gravierenden Folgen aus,  die die Ablehnung durch den Vater oder die Mutter für ein Kind bedeutet, dass es mir erst einmal die Sprache verschlagen hat. Anscheinend waren hier Richter am Werk, die keinerlei Ahnung von Psychologie haben, wenn sie ernsthaft meinen, dass ein Vater seine Pflicht getan hat, wenn er bis zur Vollendung des 18. Lebensjahrs für seinen Sohn da war, und  dann mit ihm nicht das Geringste mehr zu tun haben will. Weiterlesen

Nie zu spät für eine glückliche Kindheit?

Durch Zufall bin ich vor kurzem auf ein Buch gestoßen, das den wunderbaren Titel trägt »Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit zu haben«.

Wunderbar finde ich den Titel deshalb, weil er so schön schillert, changiert, dynamisch ist. Der Widerspruch will geklärt werden, das Gehirn verlangt, das Rätsel, das zweifellos darin liegt, aufzulösen. Wie soll schließlich etwas, das vorbei ist, noch verändert werden können? Nach allem, was wir wissen, geht das nicht. Und das Buch richtet sich ja auch nicht an jene, die noch Kinder sind, sondern an Erwachsene, deren Kindheit eindeutig vorüber ist. Was also verbirgt sich dahinter?

Zunächst einmal: der Titel stammt nicht vom Autor Ben Furman selbst, sondern – wie er selbst schreibt – von der Windschutzscheibe eines Motorrads, das einmal an ihm vorbeigefahren ist. Und das Ziel des Buches besteht darin, den Mythos in Frage zu stellen, demzufolge unser ganzes Leben entscheidend vom Verlauf unserer Kindheit beeinflusst wird. Weiterlesen

Mutter ist die Beste?

Wenn es ein grundlegendes Problem des Menschen gibt, dann die Tatsache, dass er seine eigenen persönlichen Erfahrungen mit dem Leben verallgemeinert. Stillschweigend und unüberprüft geht er davon aus, dass andere Menschen zu den gleichen Schlussfolgerungen und Empfindungen gekommen sind wie er.

Geistige, seelische und emotionale Freiheit ist somit auch davon abhängig, wie gut er in der Lage ist, zu differenzieren: zwischen seinem eigenen Erleben und dem anderer; zwischen seiner eigenen Wahrnehmung und der anderer; zwischen dem, was er empfindet und dem, wie das Empfundene zu Deutungen geworden ist, zu Aussagen und Konzepten über die Welt.

Wenn er das tut, wird er unweigerlich früher oder später zu dem Schluss gelangen, dass andere Menschen nicht so sind wie er, und dass daher Vorsicht angeraten ist, wenn man ihnen die eigenen Meinungen, Lebensweisheiten, Erfahrungen überstülpt und die eigenen Maßstäbe ansetzt. Natürlich steht dem gegenüber, dass es allgemeine Erkenntnisse über die Welt gibt – so wie die Schwerkraft, der sich kein Lebewesen auf der Welt entziehen kann, oder die Tatsache, dass wir alle einen Überlebenstrieb haben. Weiterlesen