Das Geheimnis der Bäume und der Mensch

»Es war einmal ein Wald« – so der Film »Das Geheimnis der Bäume« von Luc Jacquet im französischen Original – gehört für mich zu den wunderbarsten Filmen, die ich je gesehen habe. Wegen der Bilder, die er vom Regenwald zeigt, aber auch wegen der hervorragenden Einbindung von Animationen, durch die etwas erlebbar wird, das uns gewöhnlich verschlossen bleibt: die Bewegung des Baumes, der Kreislauf des Lebens, das Geben und Nehmen eines unglaublich ausgeklügelten Ökosystems.

Luc Jacquet, der dem Botaniker Francis Hallé in den Regenwald gefolgt ist, zeigt uns, dass Bäume alles andere als so passiv und bewegungslos sind, wie ich es noch in der Schule gelernt habe. Er zeigt, wie der Baum in einer aktiven Symbiose mit Kleinsttieren lebt, die sich in ihm ihr Heim errichten und ihn von innen schützen. Er zeigt, wie er wittern kann, wenn ein Aggressor seinen Lebensraum betritt, und er seine Blätter giftig werden lässt, wie Bäume sich so untereinander warnen. Er zeigt, wie er in Zeiten zu langer Trockenheit Duftstoffe in die Luft schickt, die wie feine Staubpartikel Feuchtigkeit ansammeln, die wiederum schwerer werden, Wolken erzeugen, bis diese sich schließlich abregnen. Weiterlesen

Winterruhe oder Weihnachtsstress

Eigentlich ist der Winter in unseren Breiten ja die Zeit des Rückzugs. Die Natur begibt sich zur Ruhe, um möglichst wenig Energie zu verbrauchen, denn in der Kälte ist vieles erstarrt, das Sonnenlicht ist magerer, die Menge an Fresstieren ebenfalls reduziert oder sie sind schwerer zu erbeuten, und  die ganze herrliche Fülle des Sommers und Herbstes – Beeren, Wurzeln und so weiter – hat sich davongemacht. Es ist sinnvoll, sich da nicht zu verausgaben, sondern auf ein Minimum an Tätigkeiten zu beschränken und mit der geringeren Energie sorgfältig umzugehen.

Tiere und Pflanzen tun das – so lange man sie nicht daran hindert -; der Mensch, der sich schon seit langem von den natürlichen Verläufen abgetrennt hat, natürlich nicht. Im Gegenteil; er fängt an, emsig Päckchen zu packen, zu kaufen, zu verschnüren, zu schmücken, Weihnachtsfeiern zu gestalten, hinzugehen, zu erdulden. Das Weihnachtsgeschäft, diese Hoch-Zeit des Verkaufs, fordert zusätzlich seinen Tribut, denn jetzt ist Not an der Frau und am Mann, von wegen Ruhe und Rückzug und Einklang mit den natürlichen Bedürfnissen unseres Körpers. Weiterlesen

Mutter ist die Beste?

Wenn es ein grundlegendes Problem des Menschen gibt, dann die Tatsache, dass er seine eigenen persönlichen Erfahrungen mit dem Leben verallgemeinert. Stillschweigend und unüberprüft geht er davon aus, dass andere Menschen zu den gleichen Schlussfolgerungen und Empfindungen gekommen sind wie er.

Geistige, seelische und emotionale Freiheit ist somit auch davon abhängig, wie gut er in der Lage ist, zu differenzieren: zwischen seinem eigenen Erleben und dem anderer; zwischen seiner eigenen Wahrnehmung und der anderer; zwischen dem, was er empfindet und dem, wie das Empfundene zu Deutungen geworden ist, zu Aussagen und Konzepten über die Welt.

Wenn er das tut, wird er unweigerlich früher oder später zu dem Schluss gelangen, dass andere Menschen nicht so sind wie er, und dass daher Vorsicht angeraten ist, wenn man ihnen die eigenen Meinungen, Lebensweisheiten, Erfahrungen überstülpt und die eigenen Maßstäbe ansetzt. Natürlich steht dem gegenüber, dass es allgemeine Erkenntnisse über die Welt gibt – so wie die Schwerkraft, der sich kein Lebewesen auf der Welt entziehen kann, oder die Tatsache, dass wir alle einen Überlebenstrieb haben. Weiterlesen

Der Kreislauf des Lebens

Nichts zeigt uns die Kostbarkeit des Lebens deutlicher als der Tod.

Ich war mit meiner Freundin in einem Haus im Bayerischen Wald, um an einem gemeinsamen Projekt zu arbeiten. Wir saßen gerade gemütlich beim Frühstück und „brainstormten“, als ein lautes, dumpfes Poltern durch das Haus dröhnte. Bei näherem Suchen bemerkten wir, dass in der oberen Etage ein Vogel gegen das Fenster meines Schlafzimmers geprallt war; das wunderschöne Tier – ein Buntspecht – lag auf dem Rücken auf dem Balkon, seine Federn bewegten sich, der kleine Rumpf zitterte. Ein paarmal noch, dann krallten sich seine Füße zusammen. Stille und Reglosigkeit herrschten.

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Wir schwiegen beide ein paar Momente, hofften insgeheim wider allen besseren Wissens, dass wir nicht Zeugen seines Todes geworden waren, sondern es bei ihm so sein würde wie bei dem kleinen Finken, der am Tag zuvor im Erdgeschoss gegen eine Fensterscheibe geflogen war. Der winzige Vogel hatte sich aufgerichtet, nachdem er einige Zeit benommen auf dem Rücken gelegen hatte, und war dann nach einer Stunde stillen Dastehens davongeflogen – möglicherweise, ohne das Wasser anzurühren, dass wir ihm vorsichtig zugeschoben hatten.

Nicht so der Specht. Er rührte sich nicht mehr. Das Leben – der Geist, der ihn antrieb – war aus ihm gewichen. Was da lag, war eine Hülle, eine Erinnerung an das, was er einmal gewesen war. Eine Weile standen wir sprachlos da und starrten auf das tote Tier. Sprachlos über die Banalität seines Todes, sprachlos auch über die Schönheit des Tieres. Der untere Teil seiner Brust war rot, ebenso sein Hinterkopf, die Federn trugen schwarze Sprengsel. Der Schnabel ragte in die Höhe. Als wir den Buntspecht aufhoben – er fühlte sich noch ganz weich, beinahe samtig an -, um ihn an einem Baum niederzulegen, damit er in den Kreislauf des Lebens und Todes gelangen konnte, sahen wir Blut dort, wo sein Hinterkopf gelegen hatte.

Das arme Tier musste mit voller Wucht mit dem Schnabel voraus gegen die Scheibe geflogen sei – in der Annahme, wie wir später sahen, dass er zwischen den Bäumen hindurchflog, die sich in dem Fenster spiegelten und ihm etwas vorgaukelten, das nicht da war.

IMG_2915-niedrigInzwischen hängt auch an dieser Scheibe ein schwarzer Vogel zur Warnung, aber für diesen Specht kommt er zu spät. Eine ganze Zeitlang ertappte ich mich noch bei dem Gedanken, dass irgendwo in der Umgebung ein anderer Vogel auf seine Rückkehr warten könnte. Und ich fragte und frage mich: wie lange, bis er begriffen hat, dass sein Warten vergeblich sein wird? Und wie mag es sich für einen Vogel anfühlen, wenn sein Partner plötzlich aus seinem Leben verschwindet? Sein Tod, das ist jedenfalls klar, kam schnell. Und in der Erinnerung von meiner Freundin und mir wird er einen ewigen Platz erhalten. Auch das gehört zum Kreislauf des Lebens.

Gomera

Gomera ist nicht abgebrannt, wie man aufgrund mancher Berichte meinen könnte. Und die Vegetation Gomeras, von der in der Tat  beträchtliche Teile durch Feuer und salzhaltiges Löschwasser zerstört worden sind, wird sich auch wieder erholen. Allerdings leiden sowohl Gomeros wie deutsche »Residents« unter dem Wegbleiben der Urlauber, die zum Teil auf Anraten von Reiseveranstaltern Reisen storniert haben oder gar nicht erst buchen, so lange die Schäden noch zu sehen sind. Man will ja schließlich was haben für sein Geld.

Ich war von Mitte September bis Mitte Oktober auf Gomera, also knapp 3 Wochen nach den Bränden, und konnte mir selbst ein Bild von der Situation machen. Meine Erfahrungen und sonstigen Gedanken zu dieser zweitkleinsten aller Kanaren werde ich in der nächsten Zeit hier mitteilen. Aber hier schon mal einen kleinen Einblick – Blick von der Sonnenterrasse eines der schönsten Restaurants der Insel, das El Faro in Hermigua.