Vom Sinn, sich erschüttern zu lassen

Wie ist es eigentlich möglich, frage ich mich aus aktuellem Anlass seit ein paar Wochen häufiger, dass Menschen wegsehen? Wie schaffen sie es, etwas auszublenden, das sie nicht sehen wollen? Ich meine: wie gelingt es ihnen »bewusstseinstechnisch«, so etwas zu bewerkstelligen?

Wir alle sind fähig zu Mitgefühl und Einfühlungsvermögen. Jeder von uns. Selbst Hitler liebte seinen Schäferhund. Es ist also nicht so, als würden grausame Menschen diese Fähigkeit gar nicht besitzen; sie entscheiden sich nur einfach, sie lediglich bestimmten Kontexten und Lebewesen zukommen zu lassen und ansonsten ihr anderes, kaltes Gesicht zu zeigen. Weiterlesen

Buchmesse, BuCon und E.L. Greiff

Mitte bis Ende letzter Woche stand für mich wieder einmal die Welt der Bücher im Mittelpunkt. Die Buchmesse: Lektoren und Kollegen treffen, reden, Bücher ansehen, sich inspirieren lassen, Neugier wecken lassen, sich durch die Massen anderer Buchmessen-Besucher schieben – es ist eigentlich jedes Jahr das Gleiche, und doch ist es immer auch etwas anders.

Dieses Jahr war die Buchmesse geprägt von zahlreichen netten, zum Teil unverhofften Begegnungen, vielen Gesprächen und weniger Büchern. Vor allem ein Erlebnis wird mir in Erinnerung bleiben: E.L. Greiff kennengelernt zu haben, die Autorin von Zwölf Wasser, einem sehr schönen Fantasy-Roman, in dem es – sehr kurz formuliert – darum geht, dass die Quellen versiegen, deren Existenz nötig ist, damit die Möglichkeit der Menschlichkeit in der Welt bleibt.

Die Möglichkeit – nicht nur die Menschlichkeit an sich. Wenn die Möglichkeit schwindet, schwindet auch jede Hoffnung. Der Unterschied ist wichtig; ginge es nur darum, dass die Menschen die Menschlichkeit für eine bestimmte Zeit vergessen haben, könnte man sie zurückholen. Man könnte hoffen, dass irgendwann jemand auftaucht, der sich mitten im Brachland  fehlender Menschlichkeit aufmacht – mit Gefährten womöglich -, um sie zu retten oder wiederzubeleben.

Cover_Greiff_WasserAber wenn in E.L. Greiffs Roman (dessen zweiter von insgesamt drei Bänden kurz vor der Buchmesse erschienen ist) die Quellen versiegen, wird sich niemand mehr irgendwann aufmachen können, um das Verlorene, Gestorbene zurückzuholen oder wiederzubeleben, weil es schlicht keine Möglichkeit mehr gibt, keinen Raum, in dem die Menschlichkeit noch existieren könnte. Also muss vorher gehandelt werden, muss vorher alles getan werden, dass dieses Unglück, das absolute Aus, vermieden wird.

Inmitten einer Zeit, in der man immer wieder Hinweise darauf findet, wie sehr der Menschlichkeit bereits der Atem abhanden gekommen ist, tut ein solches Buch einfach gut. Dass die Autorin sehr nett ist und es Spaß macht, sich mit ihr zu unterhalten, steigert das gute Gefühl nur noch. Weiterlesen