Nachtrag zu Iain Banks

Es ist so wunderbar, dass ich es unbedingt hier verlinken möchte: das letzte Interview, das Iain Banks vor seinem Tod gegeben hat. Am vergangenen Samstag veröffentlichte der Guardian einen Artikel von Stuart Kelly, der Iain Banks im Monat zuvor in dessen Haus besucht hat. Die beiden kannten sich seit längerem; ein Umstand, der sich im Ton des gesamten Artikels niederschlägt. Dabei geht es in dem Interview nicht nur um Iain Banks Krankheit und seinen bevorstehenden Tod, sondern z.B. auch um Schottlands Bemühungen um Unabhängigkeit oder Gedanken zu einzelnen seiner Werke. Und erneut verblüfft der Autor mit einer fast unglaublichen Gefasstheit und Einsicht in das Leben und den Tod, die eigentlich sprachlos macht.

Besonders gefallen hat mir seine Erklärung gegen Ende des Interviews, er wisse jetzt, warum er an Krebs erkrankt sei:

»A star exploded hundreds or thousands of years ago and ever since there’s been a cosmic ray – a bad-magic bullet with my name on it, to quote Ken – heading towards the moment where it hit one of my cells and mutated it. That’s an SF author’s way to bow out; none of this banal transcription error stuff.«

Was gibt es mehr zu sagen? Außer, dass ich nicht wusste, ob ich lachen oder weinen sollte.

Lachen, erinnert sich Stuart Kelly zum Schluss seines Artikels, war das, was den größten Teil des Gespräches gekennzeichnet hat. Und das, finde ich, ist eine schöne Vorstellung.

Zum Tod von Iain Banks (1954 – 2013)

Täglich werden Menschen mit der Nachricht konfrontiert, dass sie unheilbar krank sind und nicht mehr lange zu leben haben. Gewöhnlich bekommt man davon nicht viel mit, zählt man nicht zum mehr oder weniger direkten Lebensumfeld des oder der Betroffenen.

Bei Iain Banks ist das etwas anderes. Der in Großbritannien hoch angesehene schottische Schriftsteller von sowohl literarischen Werken als auch Science Fiction schockierte Anfang April die Öffentlichkeit mit der Nachricht, dass es ihm „officially very poorly“ gehe, weil er streuenden Gallenblasenkrebs habe und seine Lebenserwartung nur noch Monate betrage. Als Folge davon werde er sich von allen öffentlichen Auftritten zurückziehen und seine Lebensgefährtin heiraten, die er gebeten habe, ihm »die Ehre zu erweisen, seine Witwe zu werden«.

IainBanks2009

Was man danach noch über die Website Banksophilia über Iain Banks mitbekam, war eine mutige Akzeptanz des Unausweichlichen. Besonders beeindruckt hat mich dabei zweierlei. Zum einen schrieb er in einem letzten Beitrag auf der Website, dass er die verbleibende Zeit auch dafür nutzen wolle, um anderen Schriftstellern zu danken, die ihn mit ihrer Arbeit inspiriert hätten. Etwas, das wohl auch durch die zahlreichen Mails etlicher Menschen ausgelöst wurde, die er erhielt und die sich bei ihm für seine Bücher bedankten.

Zum anderen spricht er in einem Interview im April in großer Ruhe und Weisheit über sein Leben und seinen bevorstehenden Tod. So erklärt er u.a., dass er ein wunderbares Leben gehabt habe und selbst mit der Nachricht über die Krebserkrankung mehr glücklich als unglücklich gewesen sei. Er habe 29 Bücher geschrieben, auf die er stolz sein könne und auch stolz sei, ganz unabhängig davon, wie viel davon übrig bleiben werde.

Es steht absolut nicht zu erwarten, dass Iain Banks Romane in nächster Zeit in Vergessenheit geraten werden; dazu sind sie auch einfach zu gut. Ganz sicher tut es der Roman nicht, an dem er gerade arbeitete, als er von der Krebserkrankung erfuhr: in »The Quarry« geht es um das Ringen eines Mannes mit seinem bevorstehenden Tod durch eine Krebserkrankung. Iain Banks hatte bereits 87.000 Wörter geschrieben und nur noch 10.000 bis zum Ende zu schreiben. Wie er im Interview sagte, hatte er bis zu diesem Zeitpunkt nicht die geringste Ahnung von seiner eigenen Erkrankung.

So etwas ist makaber, zumindest gehört es zu den Dingen, die schwer zu verstehen sind. Schön für Iain Banks, dass er das Buch – ein Vorab-Exemplar – noch in den Händen halten konnte, bevor er einige Tage später, am Sonntag, in den frühen Morgenstunden verstarb.

Was übrig bleibt – außer seinen Werken und der Erinnerung an ihn – ist für mich noch etwas anderes, etwas, wozu man seine Bücher nicht einmal gelesen haben muss. Es ist etwas, das er durch seinen Umgang mit seinem Schicksal vermittelt hat: die Bestärkung darin, dass der Tod, der immer irgendwie unpassend kommt – selbst bei Jack Vance, dem großartigen Fantasy- und SF-Autor, der mit über 96 Jahren Ende Mai gestorben ist – leichter zu ertragen ist, wenn man in seinem Leben authentisch war und seine Träume gelebt hat.

Iain Banks wusste bereits mit 14 Jahren, dass er Schriftsteller werden wollte, und er schrieb mit 16 seine erste Erzählung. Er arbeitete in vielen Berufen, um sich das Schreiben zu ermöglichen, und verlor seinen Traum nie aus den Augen. Die Gelassenheit, die er angesichts seines bevorstehenden Todes ausgestrahlt hat, wenn auch vermischt mit schwarzem Humor,  ist vermutlich zu einem guten Teil darauf zurückzuführen. Und das ist etwas, um das wir alle uns bemühen können: unsere Träume zu finden und anderen zu helfen, ihre zu verwirklichen. Ein erfülltes, sinnvolles Leben zu führen, in dem wir unser Potenzial leben können.

J.M.Straczynski und Babylon 5

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich im Sommer 1995 von einem Freund auf die Serie Babylon 5 aufmerksam gemacht worden war. Obwohl ich den Pilotfilm bereits vorher gesehen hatte, war mir der Beginn der Serie entgangen, und daher stieg ich erst nach 2 – 3 Episoden ein. So etwas sollte mir allerdings danach nicht mehr passieren. Die Mischung aus SF und Philosophie, die hervorragende Erzählstruktur, der humanistische Grundton der Serie, die geistige Tiefe – Babylon 5 hatte mich unwiderruflich gepackt und bestimmte mein Leben in den folgenden Jahren nicht unwesentlich. Planungen wurden um Babylon 5 herum organisiert (trotz Video-Recorder, ich wollte es schließlich sofort sehen); nächtelange Diskussionen mit Freunden – warum was wann wer wo und überhaupt -; schließlich ein von Pro 7 veranstalteter Con in Frankfurt zu Babylon 5 und Akte X, wo eine atemberaubend glücksstrahlende Claudia Christian auftrat; dann sogar die Möglichkeit, ein paar Babylon-5-Comics zu übersetzen.

Es war eine schöne Zeit, aber wie alles verklang auch sie mit dem Ende der Serie allmählich, und anderes tauchte auf. Jetzt hat J.M.Straczynski mich – und sicherlich nicht nur mich – mit einem Schlag wieder in das Universum von Babylon 5 zurückgerufen.

572px-J_Michael_Straczynski_2007-05-12Bei einer Convention in Phoenix, Arizona, die vor ein paar Tagen stattfand, nutzte er die Gelegenheit und hielt eine längere Rede, in der er an die bereits verstorbenen Darsteller der Serie erinnerte: an den 2004 verstorbenen Richard Briggs alias Dr. Stephen Franklin, der so taub war, dass er nicht nur die eigene Sprechrolle auswendig lernen musste, sondern auch die aller anderen, um von deren Lippen ablesen zu können. An Andreas Katsulas alias G’Kar, der Straczynski vor seinem Tod 2006 zu einem „last lunch“ einlud, bei dem er ihn bat, ihm Hintergründe über die Dreharbeiten zu erzählen, die er sowieso niemandem mehr weitererzählen könne. An den 2011 verstorbenen Jeff Conoway alias Zach Allen, der es sich aus verschiedenen Gründen, für die er auch durchaus die Verantwortung übernahm, mit dem Showbusiness verscherzt hatte und Straczynski mit den Worten »I’ll make you proud« bat, ihm eine Chance zu geben, als er für eine Tagesrolle vorsprach, und sie auch erhielt.

Besonders berührend war aber wohl für die Anwesenden, was Straczynski über den im September 2012 verstorbenen Michael O’Hara alias Jeff Sinclair erzählte, der die Serie bereits nach der ersten Staffel wieder verlassen hatte – leider, wie ich damals fand. Aber den Grund konnte ich auch irgendwie verstehen, denn wie es hieß, würde er für so lange Zeit nicht darauf verzichten wollen, an einem Theater in New York zu spielen. Beides war angesichts der intensiven Babylon-5-Dreharbeiten natürlich nicht möglich.

Die Wirklichkeit sah allerdings anders aus – trauriger, weil O’Hara offenbar an einer psychischen Krankheit litt, die regelmäßig behandelt werden musste, wofür die Pausen zwischen den Sessions nicht ausgereicht hätten, aber auch schöner wegen Straczynskis Reaktion darauf. Wie er erzählte, bot er O’Hara an, den Dreh bis zur Beendigung seiner Behandlung zu verschieben, was dieser jedoch unter Hinweis darauf ablehnte, dass er nicht wollte, dass all die anderen seinetwegen ihre Arbeit verloren. Sie kamen daraufhin überein, seine Rolle aus der Serie zu nehmen, aber gelegentlich wieder auftauchen zu lassen. Und Straczynski versprach seinem Freund, die Wahrheit bis zu seinem Tode für sich zu behalten – womit, wie O’Hara betonte, wirklich seiner gemeint war, nicht der von Straczynski. Dass Straczynski  dieses Versprechen 19 Jahre lang gehalten hat, gehört zu den schönen Erfahrungen im Leben, gerade in einer Medienwelt, die keine Gnade kennt.

Noch mit vielen anderen kleinen Anekdoten beschwor Straczynski den Geist der Serie auf vielfache Weise herauf. Eines wird dabei noch einmal mehr deutlich, wenn man den Bericht darüber liest oder einen kleinen Teil seiner Rede hört: die Tiefe und Intensität, die Babylon 5 ausmacht, ist wesentlich der Authentizität seines Schöpfers zu verdanken, der die in der Serie grundlegenden humanistischen Vorstellungen auch tatsächlich lebt, und zwar auf dem Set und hinter dem Set.

Schade, dass er an seine eigene Vision dann doch nicht genug geglaubt hat, um die Serie so zuende zu erzählen, wie es eigentlich geplant gewesen war.