Licht und Dunkelheit II – Die Höhlen von Mallorca

Als ich plante, Urlaub auf Mallorca zu machen, hatte ich nicht im Sinn, mich in die Dunkelheit zu begeben. Mich reizte das Licht, die Sonne, die Wanderungen und das Meer, aber es war nicht meine Absicht, meine kostbare Urlaubszeit irgendwo im Innern von Felsgestein zu verbringen. Als freiberufliche Übersetzerin sitze ich wahrlich genug im Innern. Und dann war es ja nicht so, als hätte ich noch nie eine Tropfsteinhöhle gesehen …

Dann las ich durch Zufall etwas darüber. In einer dieser Höhlen – den Coves del Drac – soll sich einer der größten unterirdischen Seen befinden, hieß es. Andere – nicht offen zugängliche – reichen Hunderte von Metern in die Tiefe. Lediglich mit großer Erfahrung und geführt von bestimmten Wanderveranstaltern kann man diese Höhlen erklettern – senkrecht nach unten in schmale Schächte hinein und hinauf zum Beispiel, etwa 12 Stunden lang. Keine Frage, das war nichts für mich, aber ich war neugierig geworden. Vielleicht, wenn es regnete?

Es regnete tatsächlich. Von den sechs Tagen, die ich im Mai auf Mallorca verbrachte, erwischte ich vier Sonnentage, an denen ich beeindruckende Wanderungen machen konnte – fast immer mit Meerblick -, und zwei Regentage. Es sollte also wohl so sein, und so besuchte ich an einem dieser Tage zwei und am anderen – dem letzten – nach einer wegen Nässe abgebrochenen Wanderung noch eine weitere Höhle.

Drei Höhlen – die Coves d’Artà, die Coves del Drac und die Coves de Hams – und alle vollkommen unterschiedlich. Nicht nur in der Art, wie sich sich den Touristen präsentieren, sondern auch im Hinblick auf die Ausgestaltung der Formationen, die sich über Millionen von Jahren hinweg herausgebildet haben. Deckenhöhe, Luftqualität, Raumgröße und ähnliche Faktoren sind ebenfalls sehr unterschiedlich. Und doch haben sie alle ihren eigenen Reiz:

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Coves d’Artá

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Coves del Drac

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Coves de Hams

Die Frage, ob die kitschige Beleuchtung in den Coves de Hams wirklich nötig sind, ist sicher berechtigt. Aber man sieht offenbar keinen Anlass, von dem seit Jahrzehnten bestehenden Konzept abzuweichen. Und die Besucherzahlen geben dem anscheinend recht – riesige Menschenmassen strömen hier durch, vor allem während der Hauptsaison.

Den Scharen an Besuchern ist es auch zu verdanken, dass fast nirgendwo ernstzunehmende wissenschaftliche Informationen angeboten werden. Wobei die Coves del Drac immerhin konsequent genug sind, gleich total auf irgendwelche Worte zu verzichten. Das, was man in den Coves d’Artà zu hören bekommt – man schmückt sich dort mit einem angeblich höheren wissenschaftlichen Anspruch – ist es jedenfalls nicht wert. Und ob man unbedingt eine Jules-Verne-Darbietung in den Coves de Hams braucht, weiß ich auch nicht, ist aber natürlich Geschmackssache. Weiterlesen

Gedanken zu Licht und Dunkelheit I

Gewöhnlich gilt die Dunkelheit als das Reich, in dem das Böse lauert. Licht ist Liebe, Schwärze ist Hass und Finsternis. Seit uralten Zeiten findet sich diese Einteilung in den Phantasien von Menschen.

Was aber ist der Ursprung dieser Aufteilung von Gut und Böse in Hell und Dunkel? Und was hat es damit auf sich, dass manche Dinge die Dunkelheit benötigen, um überhaupt werden zu können? Sind Nachtinsekten weniger wert als wir? Beruht dieser Dualismus nicht vielleicht nur auf der schlichten Tatsache, dass der Mensch in der Dunkelheit nicht gut sieht und deshalb verunsichert ist?

Vor ein paar Jahren bin ich einmal in eine unbewirtschaftete Schwarzwaldhütte gewandert. Es war eine Art Test, ich wollte sehen, wie ich mich fühle, wenn ich die ganze Nacht allein in oder bei einer Hütte ohne Strom und Licht (abgesehen von Kerzen) bin, einer Hütte, die zudem nur von außen, nicht aber von innen abschließbar war. Vor allem wollte ich nachspüren, wie es ist, draußen „Wache“ zu halten, wie es in Fantasy-Romanen so oft geschieht (dies auch deshalb, weil ich selbst an einem schreibe). Weiterlesen

Das Geheimnis der Bäume und der Mensch

»Es war einmal ein Wald« – so der Film »Das Geheimnis der Bäume« von Luc Jacquet im französischen Original – gehört für mich zu den wunderbarsten Filmen, die ich je gesehen habe. Wegen der Bilder, die er vom Regenwald zeigt, aber auch wegen der hervorragenden Einbindung von Animationen, durch die etwas erlebbar wird, das uns gewöhnlich verschlossen bleibt: die Bewegung des Baumes, der Kreislauf des Lebens, das Geben und Nehmen eines unglaublich ausgeklügelten Ökosystems.

Luc Jacquet, der dem Botaniker Francis Hallé in den Regenwald gefolgt ist, zeigt uns, dass Bäume alles andere als so passiv und bewegungslos sind, wie ich es noch in der Schule gelernt habe. Er zeigt, wie der Baum in einer aktiven Symbiose mit Kleinsttieren lebt, die sich in ihm ihr Heim errichten und ihn von innen schützen. Er zeigt, wie er wittern kann, wenn ein Aggressor seinen Lebensraum betritt, und er seine Blätter giftig werden lässt, wie Bäume sich so untereinander warnen. Er zeigt, wie er in Zeiten zu langer Trockenheit Duftstoffe in die Luft schickt, die wie feine Staubpartikel Feuchtigkeit ansammeln, die wiederum schwerer werden, Wolken erzeugen, bis diese sich schließlich abregnen. Weiterlesen

Der Klang der Welten

Der Buddhismus sagt, die Gier des Menschen – immer mehr haben zu wollen – sei eine der Ursachen für sein Leiden, und wenn ich auch glaube, dass die Gründe für diese Gier sehr unterschiedlicher Art sein können (viele Menschen wirken zwar gierig, aber nicht, weil sie immer mehr wollen, sondern weil ein grundlegendes frühes Bedürfnis noch nach Erfüllung strebt), wird der Mensch zweifellos von Bedürfnissen bestimmt, die leicht außer Kontrolle geraten können.

Vorgestern war ein Tag, an dem mich zwei völlig gegensätzliche Erlebnisse durch ihre zeitliche Nähe mit dem Gedanken der Gier in Kontakt brachten.

Mittags war ich mit einem guten Freund auf dem Weihnachtsmarkt und erfuhr nebenbei, dass der Durchschnittsbürger anscheinend mittlerweile nicht mehr nur mit einem Kühlschrank auszukommen vermag, sondern derer gleich zwei braucht. Aber nicht etwa wegen gestiegener zu versorgender Personenanzahl, sondern zum Schutz der Speisen. Die, so ließ ich mich als antiquierte Einkühlschrank-Besitzerin aufklären, besser fein säuberlich getrennt nach süß und salzig-sauer-herb aufbewahrt werden. Eigentlich hatte ich dieses Thema immer für die Domäne von Tupperware & Co. gehalten, aber anscheinend schreitet die Zeit auch in anderen Bereichen als der digitalen Revolution weiter voran – und offensichtlich an mir vorbei. Weiterlesen

Buchmesse, BuCon und E.L. Greiff

Mitte bis Ende letzter Woche stand für mich wieder einmal die Welt der Bücher im Mittelpunkt. Die Buchmesse: Lektoren und Kollegen treffen, reden, Bücher ansehen, sich inspirieren lassen, Neugier wecken lassen, sich durch die Massen anderer Buchmessen-Besucher schieben – es ist eigentlich jedes Jahr das Gleiche, und doch ist es immer auch etwas anders.

Dieses Jahr war die Buchmesse geprägt von zahlreichen netten, zum Teil unverhofften Begegnungen, vielen Gesprächen und weniger Büchern. Vor allem ein Erlebnis wird mir in Erinnerung bleiben: E.L. Greiff kennengelernt zu haben, die Autorin von Zwölf Wasser, einem sehr schönen Fantasy-Roman, in dem es – sehr kurz formuliert – darum geht, dass die Quellen versiegen, deren Existenz nötig ist, damit die Möglichkeit der Menschlichkeit in der Welt bleibt.

Die Möglichkeit – nicht nur die Menschlichkeit an sich. Wenn die Möglichkeit schwindet, schwindet auch jede Hoffnung. Der Unterschied ist wichtig; ginge es nur darum, dass die Menschen die Menschlichkeit für eine bestimmte Zeit vergessen haben, könnte man sie zurückholen. Man könnte hoffen, dass irgendwann jemand auftaucht, der sich mitten im Brachland  fehlender Menschlichkeit aufmacht – mit Gefährten womöglich -, um sie zu retten oder wiederzubeleben.

Cover_Greiff_WasserAber wenn in E.L. Greiffs Roman (dessen zweiter von insgesamt drei Bänden kurz vor der Buchmesse erschienen ist) die Quellen versiegen, wird sich niemand mehr irgendwann aufmachen können, um das Verlorene, Gestorbene zurückzuholen oder wiederzubeleben, weil es schlicht keine Möglichkeit mehr gibt, keinen Raum, in dem die Menschlichkeit noch existieren könnte. Also muss vorher gehandelt werden, muss vorher alles getan werden, dass dieses Unglück, das absolute Aus, vermieden wird.

Inmitten einer Zeit, in der man immer wieder Hinweise darauf findet, wie sehr der Menschlichkeit bereits der Atem abhanden gekommen ist, tut ein solches Buch einfach gut. Dass die Autorin sehr nett ist und es Spaß macht, sich mit ihr zu unterhalten, steigert das gute Gefühl nur noch. Weiterlesen

Mutter ist die Beste?

Wenn es ein grundlegendes Problem des Menschen gibt, dann die Tatsache, dass er seine eigenen persönlichen Erfahrungen mit dem Leben verallgemeinert. Stillschweigend und unüberprüft geht er davon aus, dass andere Menschen zu den gleichen Schlussfolgerungen und Empfindungen gekommen sind wie er.

Geistige, seelische und emotionale Freiheit ist somit auch davon abhängig, wie gut er in der Lage ist, zu differenzieren: zwischen seinem eigenen Erleben und dem anderer; zwischen seiner eigenen Wahrnehmung und der anderer; zwischen dem, was er empfindet und dem, wie das Empfundene zu Deutungen geworden ist, zu Aussagen und Konzepten über die Welt.

Wenn er das tut, wird er unweigerlich früher oder später zu dem Schluss gelangen, dass andere Menschen nicht so sind wie er, und dass daher Vorsicht angeraten ist, wenn man ihnen die eigenen Meinungen, Lebensweisheiten, Erfahrungen überstülpt und die eigenen Maßstäbe ansetzt. Natürlich steht dem gegenüber, dass es allgemeine Erkenntnisse über die Welt gibt – so wie die Schwerkraft, der sich kein Lebewesen auf der Welt entziehen kann, oder die Tatsache, dass wir alle einen Überlebenstrieb haben. Weiterlesen

Yann Martel – Life of Pi

Yann Martel, Autor des Bestseller-Romans »Life of Pi«, der durch Ang Lees wunderbare Verfilmung viele Jahre nach seinem Ersterscheinen noch einmal kräftig ins Licht der Öffentlichkeit gerückt ist, wird heute 50 Jahre alt.

Yann Martel; Quelle: Wikipedia
Yann Martel; Quelle: Wikipedia

Ich kannte das Buch nicht, bevor ich »Life of Pi« (deutscher Titel: »Schiffbruch mit Tiger«) sah, und ich hatte auch von dem Autor noch nie gehört, da ich damals sehr mit anderen Dingen beschäftigt gewesen war. Inzwischen habe ich den Film fünf mal gesehen (davon vier mal im Kino), und das Buch verschlungen. Es gibt nicht viele Werke, bei denen mich Buch und Verfilmung gleichermaßen begeistern; dies ist einer der wenigen Fälle, in denen es so ist.

Der Film beeindruckt mich durch die spirituelle Kraft einerseits und die Verwandlung von Pi, der seine eigene Angst in gestaltende Kraft zu transformieren vermag, um letztlich durch die Hingabe an eine höhere Macht die wahre Rettung – seine innere Kraft – zu finden. Der Film ist eine einzige Aufforderung, ebenfalls nach dieser Kraft, diesem Vertrauen zu suchen bzw. es in sich zuzulassen. Weiterlesen