Das Geheimnis der Bäume und der Mensch

»Es war einmal ein Wald« – so der Film »Das Geheimnis der Bäume« von Luc Jacquet im französischen Original – gehört für mich zu den wunderbarsten Filmen, die ich je gesehen habe. Wegen der Bilder, die er vom Regenwald zeigt, aber auch wegen der hervorragenden Einbindung von Animationen, durch die etwas erlebbar wird, das uns gewöhnlich verschlossen bleibt: die Bewegung des Baumes, der Kreislauf des Lebens, das Geben und Nehmen eines unglaublich ausgeklügelten Ökosystems.

Luc Jacquet, der dem Botaniker Francis Hallé in den Regenwald gefolgt ist, zeigt uns, dass Bäume alles andere als so passiv und bewegungslos sind, wie ich es noch in der Schule gelernt habe. Er zeigt, wie der Baum in einer aktiven Symbiose mit Kleinsttieren lebt, die sich in ihm ihr Heim errichten und ihn von innen schützen. Er zeigt, wie er wittern kann, wenn ein Aggressor seinen Lebensraum betritt, und er seine Blätter giftig werden lässt, wie Bäume sich so untereinander warnen. Er zeigt, wie er in Zeiten zu langer Trockenheit Duftstoffe in die Luft schickt, die wie feine Staubpartikel Feuchtigkeit ansammeln, die wiederum schwerer werden, Wolken erzeugen, bis diese sich schließlich abregnen. Weiterlesen

Yann Martel – Life of Pi

Yann Martel, Autor des Bestseller-Romans »Life of Pi«, der durch Ang Lees wunderbare Verfilmung viele Jahre nach seinem Ersterscheinen noch einmal kräftig ins Licht der Öffentlichkeit gerückt ist, wird heute 50 Jahre alt.

Yann Martel; Quelle: Wikipedia
Yann Martel; Quelle: Wikipedia

Ich kannte das Buch nicht, bevor ich »Life of Pi« (deutscher Titel: »Schiffbruch mit Tiger«) sah, und ich hatte auch von dem Autor noch nie gehört, da ich damals sehr mit anderen Dingen beschäftigt gewesen war. Inzwischen habe ich den Film fünf mal gesehen (davon vier mal im Kino), und das Buch verschlungen. Es gibt nicht viele Werke, bei denen mich Buch und Verfilmung gleichermaßen begeistern; dies ist einer der wenigen Fälle, in denen es so ist.

Der Film beeindruckt mich durch die spirituelle Kraft einerseits und die Verwandlung von Pi, der seine eigene Angst in gestaltende Kraft zu transformieren vermag, um letztlich durch die Hingabe an eine höhere Macht die wahre Rettung – seine innere Kraft – zu finden. Der Film ist eine einzige Aufforderung, ebenfalls nach dieser Kraft, diesem Vertrauen zu suchen bzw. es in sich zuzulassen. Weiterlesen

Auf den Affen gekommen

Ich mag keine Zoos. Ich mag keine eingesperrten Tiere.

Mir ist klar, dass es andere Meinungen dazu gibt: dass bedrohte Arten auf diese Weise besser geschützt würden, und dass manche Tiere in der freien Wildbahn gar nicht überleben würden.

IMG_3168Trotzdem mag ich es nicht, wenn ich Tiere eingesperrt erlebe, oder überhaupt irgendwelches Leben.

Beim Affenfelsen im Elsass, den ich gestern besucht habe, ist das etwas anders, oder es kommt mir einfach nicht so schlimm vor: 240 Tiere leben in einem wirklich weitläufigen Gelände in ca. 6 Gruppen zusammen. Als Besucher wird man über einen Weg von etwa 800 Metern durch dieses bewaldete Gebiet hindurchgeführt – Berberaffen brauchen Bäume, sie gebären zum Beispiel ihre Kleinen hoch oben auf den Bäumen, so dass eine Geburt am Affenfelsen noch nie beobachtet werden konnte.

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Berberaffen gelten als gefährdete Art. Eigentlich in Nordafrika heimisch, sind sie dort vom Aussterben bedroht. Hier, am Affenfelsen, können sie bis zu 25 oder 30 Jahren alt werden. Hin und wieder werden einige von ihnen nach Afrika gebracht, um die dortige Population zu stärken, so wie jüngst eine Gruppe von 40 Affen.

Ich weiß nicht, ob mir das gefällt. Ich frage mich, ob die Affen, aufgewachsen in dem sicheren, eingezäunten Gebiet im Elsass, wo sie einen vollkommenen Schutz genießen, sich in freier Wildbahn wirklich wohlfühlen. Hier haben sie Zutrauen zu Menschen gewonnen, denen sie das Popcorn aus der Hand nehmen, das diese beim Eingang zum Füttern bekommen können – und dort?1-IMG_3167

Unabhängig von diesen Aspekten ist es äußerst faszinierend, den Berberaffen zuzuschauen. Beim Popcorn-Grabschen, beim Jagen über Bäume und Rasen, beim Kreischen und Klauben, spielerischem Raufen, der Fütterung und ihren Unterhaltungen in einer Sprache, die wir nicht verstehen und die uns doch so sehr zu ähneln scheint. Wie wichtig es allerdings ist, nicht mit menschlichen Maßstäben an Verhaltensweisen heranzugehen, die wir glauben, deuten zu können, sieht man an ihrer allüberall immer wieder zu sehenden Angewohnheit, einander am Fell zu zupfen. Was nach gegenseitiger Entlausung aussieht, ist in Wirklichkeit Teil eines freundschaftlichen Umgangs, gehört zum Zeigen von Zuneigung und Vertrauen.

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Berberaffen, das wird schnell klar – vor allem an den Kleinen -, haben eine ungemein spritzige und leichte Art und Weise, sich fortzubewegen, bei der ich mir mehr als einmal schwerfällig vorkam, so erdgebunden, wie ich bin. Und wenn sie einen anschauen, wenn sie sich auf die den Weg säumenden Holzbalken setzen und auf Popcorn warten, wenn sie frech die Parkbänke besetzen, die eigentlich für die Besucher bestimmt sind, beginnt man sich zu fragen, was in ihrem hübschen Kopf wohl vorgehen mag. Es ist ein Jammer, dass man nicht einen Blick hineinwerfen kann.

Eines jedenfalls wird klar, wenn man sie nur lange genug beobachtet: sie haben sich ihr natürliches Gefühl für das, was ihnen gut tut, offenbar bewahrt. Mehr als einmal konnte ich miterleben, wie jemand ihnen Popcorn reichte, und sie es auch bei hartnäckigem Unter-die Nase-halten partout nicht nahmen. Dazu passt, dass der Anteil von Popcorn an der Gesamtnahrung, die zum größten Teil aus Getreide, Früchten und auf dem Boden zu findenden Insekten und Eicheln besteht, pro Tag und pro Tier weniger als 15% Prozent beträgt.

Vielleicht sind Affen doch die klügeren Menschen. Bezaubernd sind sie allemal.

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Und auch, wenn ich keine Zoos mag und ich davon ausgehe, dass diese Auswilderung einigermaßen angemessen vonstatten geht, gefällt mir die Vorstellung nicht, dass diese Berberaffen in eine Wildnis entlassen werden, die sie noch nicht einmal annähernd erlebt haben. Ihre Welt – und ihre Weltsicht – ist begrenzt; nicht im Traum können sie sich vorstellen, dass jenseits ihres eingezäunten Lebensbereiches ein ganz und gar anderes Leben existiert, und es nicht immer so weitergeht wie dort, wo sie sind.

In mancher Hinsicht, denke ich, unterscheiden wir Menschen uns vielleicht gar nicht so sehr von ihnen – nur, dass wir uns einbilden, zu wissen, was jenseits unseres Horizonts liegt – oder auch nur jenseits unseres eigenen Ichs.

Ach ja: der Affenfelsen – Le Montagne des Singes – befindet sich bei Kintzheim, Nähe Straßburg (ca. 3/4 Stunde Fahrt von dort): www.montagnedessinges.com

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Die Kunst des Stehens

Was die meisten Menschen sich mühsam durch Training aneignen müssen (z.B. durch Tai Chi Chuan), ist dem Flamingo von Natur aus mitgegeben: ein ausgezeichneter Sinn für die Balance.

 

 

Um die langen Beine nicht auszukühlen, steckt er sie abwechselnd hoch und steht auf nur einem einzigen da, womöglich den Kopf verschlungen nach hinten gedreht. Ein wunderschöner Anblick, eine enorme Fähigkeit.

Auch der Kranich, ebenfalls ein Stelzvogel, besitzt sie, und daher ist es kein Zufall, dass er für diejenige Form im Tai Chi Chuan Pate stand, die sich besonders den Aspekten der Balance und Ausgeglichenheit widmet. Die Natur ist eben einfach der beste Lehrmeister.