Was nicht von uns bleibt

Normalerweise lernen wir einen Menschen kennen, indem er sich mehr oder weniger in dem zeigt, was und wie er ist. Wir nehmen ihn über die Sinne wahr, hören ihn, sehen ihn, vielleicht riechen wir ihn auch, wir analysieren möglicherweise seine Worte, legen Bedeutung in das, was wir von ihm wissen. Und irgendwann, manchmal nach kurzer Zeit, manchmal nach einer halben Ewigkeit, glauben wir, diesen Menschen zu kennen. Er ist da, präsent in unserem Kopf. Wenn er eines Tages geht, was bleibt dann von ihm? Eindrücke, die wir nicht vergessen können, auch wenn sie allmählich in einen Bereich unseres Hirns rutschen, den wir nicht mehr ständig aufsuchen. Weiterlesen

Oktober 30, 2014Permalink 5 Kommentare

Das Geheimnis der Bäume und der Mensch

»Es war einmal ein Wald« – so der Film »Das Geheimnis der Bäume« von Luc Jacquet im französischen Original – gehört für mich zu den wunderbarsten Filmen, die ich je gesehen habe. Wegen der Bilder, die er vom Regenwald zeigt, aber auch wegen der hervorragenden Einbindung von Animationen, durch die etwas erlebbar wird, das uns gewöhnlich verschlossen bleibt: die Bewegung des Baumes, der Kreislauf des Lebens, das Geben und Nehmen eines unglaublich ausgeklügelten Ökosystems.

Luc Jacquet, der dem Botaniker Francis Hallé in den Regenwald gefolgt ist, zeigt uns, dass Bäume alles andere als so passiv und bewegungslos sind, wie ich es noch in der Schule gelernt habe. Er zeigt, wie der Baum in einer aktiven Symbiose mit Kleinsttieren lebt, die sich in ihm ihr Heim errichten und ihn von innen schützen. Er zeigt, wie er wittern kann, wenn ein Aggressor seinen Lebensraum betritt, und er seine Blätter giftig werden lässt, wie Bäume sich so untereinander warnen. Er zeigt, wie er in Zeiten zu langer Trockenheit Duftstoffe in die Luft schickt, die wie feine Staubpartikel Feuchtigkeit ansammeln, die wiederum schwerer werden, Wolken erzeugen, bis diese sich schließlich abregnen. Weiterlesen

Nachtrag zu Iain Banks

Es ist so wunderbar, dass ich es unbedingt hier verlinken möchte: das letzte Interview, das Iain Banks vor seinem Tod gegeben hat. Am vergangenen Samstag veröffentlichte der Guardian einen Artikel von Stuart Kelly, der Iain Banks im Monat zuvor in dessen Haus besucht hat. Die beiden kannten sich seit längerem; ein Umstand, der sich im Ton des gesamten Artikels niederschlägt. Dabei geht es in dem Interview nicht nur um Iain Banks Krankheit und seinen bevorstehenden Tod, sondern z.B. auch um Schottlands Bemühungen um Unabhängigkeit oder Gedanken zu einzelnen seiner Werke. Und erneut verblüfft der Autor mit einer fast unglaublichen Gefasstheit und Einsicht in das Leben und den Tod, die eigentlich sprachlos macht.

Besonders gefallen hat mir seine Erklärung gegen Ende des Interviews, er wisse jetzt, warum er an Krebs erkrankt sei:

»A star exploded hundreds or thousands of years ago and ever since there’s been a cosmic ray – a bad-magic bullet with my name on it, to quote Ken – heading towards the moment where it hit one of my cells and mutated it. That’s an SF author’s way to bow out; none of this banal transcription error stuff.«

Was gibt es mehr zu sagen? Außer, dass ich nicht wusste, ob ich lachen oder weinen sollte.

Lachen, erinnert sich Stuart Kelly zum Schluss seines Artikels, war das, was den größten Teil des Gespräches gekennzeichnet hat. Und das, finde ich, ist eine schöne Vorstellung.

Zum Tod von Iain Banks (1954 – 2013)

Täglich werden Menschen mit der Nachricht konfrontiert, dass sie unheilbar krank sind und nicht mehr lange zu leben haben. Gewöhnlich bekommt man davon nicht viel mit, zählt man nicht zum mehr oder weniger direkten Lebensumfeld des oder der Betroffenen.

Bei Iain Banks ist das etwas anderes. Der in Großbritannien hoch angesehene schottische Schriftsteller von sowohl literarischen Werken als auch Science Fiction schockierte Anfang April die Öffentlichkeit mit der Nachricht, dass es ihm „officially very poorly“ gehe, weil er streuenden Gallenblasenkrebs habe und seine Lebenserwartung nur noch Monate betrage. Als Folge davon werde er sich von allen öffentlichen Auftritten zurückziehen und seine Lebensgefährtin heiraten, die er gebeten habe, ihm »die Ehre zu erweisen, seine Witwe zu werden«.

IainBanks2009

Was man danach noch über die Website Banksophilia über Iain Banks mitbekam, war eine mutige Akzeptanz des Unausweichlichen. Besonders beeindruckt hat mich dabei zweierlei. Zum einen schrieb er in einem letzten Beitrag auf der Website, dass er die verbleibende Zeit auch dafür nutzen wolle, um anderen Schriftstellern zu danken, die ihn mit ihrer Arbeit inspiriert hätten. Etwas, das wohl auch durch die zahlreichen Mails etlicher Menschen ausgelöst wurde, die er erhielt und die sich bei ihm für seine Bücher bedankten.

Zum anderen spricht er in einem Interview im April in großer Ruhe und Weisheit über sein Leben und seinen bevorstehenden Tod. So erklärt er u.a., dass er ein wunderbares Leben gehabt habe und selbst mit der Nachricht über die Krebserkrankung mehr glücklich als unglücklich gewesen sei. Er habe 29 Bücher geschrieben, auf die er stolz sein könne und auch stolz sei, ganz unabhängig davon, wie viel davon übrig bleiben werde.

Es steht absolut nicht zu erwarten, dass Iain Banks Romane in nächster Zeit in Vergessenheit geraten werden; dazu sind sie auch einfach zu gut. Ganz sicher tut es der Roman nicht, an dem er gerade arbeitete, als er von der Krebserkrankung erfuhr: in »The Quarry« geht es um das Ringen eines Mannes mit seinem bevorstehenden Tod durch eine Krebserkrankung. Iain Banks hatte bereits 87.000 Wörter geschrieben und nur noch 10.000 bis zum Ende zu schreiben. Wie er im Interview sagte, hatte er bis zu diesem Zeitpunkt nicht die geringste Ahnung von seiner eigenen Erkrankung.

So etwas ist makaber, zumindest gehört es zu den Dingen, die schwer zu verstehen sind. Schön für Iain Banks, dass er das Buch – ein Vorab-Exemplar – noch in den Händen halten konnte, bevor er einige Tage später, am Sonntag, in den frühen Morgenstunden verstarb.

Was übrig bleibt – außer seinen Werken und der Erinnerung an ihn – ist für mich noch etwas anderes, etwas, wozu man seine Bücher nicht einmal gelesen haben muss. Es ist etwas, das er durch seinen Umgang mit seinem Schicksal vermittelt hat: die Bestärkung darin, dass der Tod, der immer irgendwie unpassend kommt – selbst bei Jack Vance, dem großartigen Fantasy- und SF-Autor, der mit über 96 Jahren Ende Mai gestorben ist – leichter zu ertragen ist, wenn man in seinem Leben authentisch war und seine Träume gelebt hat.

Iain Banks wusste bereits mit 14 Jahren, dass er Schriftsteller werden wollte, und er schrieb mit 16 seine erste Erzählung. Er arbeitete in vielen Berufen, um sich das Schreiben zu ermöglichen, und verlor seinen Traum nie aus den Augen. Die Gelassenheit, die er angesichts seines bevorstehenden Todes ausgestrahlt hat, wenn auch vermischt mit schwarzem Humor,  ist vermutlich zu einem guten Teil darauf zurückzuführen. Und das ist etwas, um das wir alle uns bemühen können: unsere Träume zu finden und anderen zu helfen, ihre zu verwirklichen. Ein erfülltes, sinnvolles Leben zu führen, in dem wir unser Potenzial leben können.

Gomera

Gomera ist nicht abgebrannt, wie man aufgrund mancher Berichte meinen könnte. Und die Vegetation Gomeras, von der in der Tat  beträchtliche Teile durch Feuer und salzhaltiges Löschwasser zerstört worden sind, wird sich auch wieder erholen. Allerdings leiden sowohl Gomeros wie deutsche »Residents« unter dem Wegbleiben der Urlauber, die zum Teil auf Anraten von Reiseveranstaltern Reisen storniert haben oder gar nicht erst buchen, so lange die Schäden noch zu sehen sind. Man will ja schließlich was haben für sein Geld.

Ich war von Mitte September bis Mitte Oktober auf Gomera, also knapp 3 Wochen nach den Bränden, und konnte mir selbst ein Bild von der Situation machen. Meine Erfahrungen und sonstigen Gedanken zu dieser zweitkleinsten aller Kanaren werde ich in der nächsten Zeit hier mitteilen. Aber hier schon mal einen kleinen Einblick – Blick von der Sonnenterrasse eines der schönsten Restaurants der Insel, das El Faro in Hermigua.